Kurt Eisner ist der Pater Bavariae. Auf dem Weg in den Landtag wurde er von einem nationalistischen
Antisemiten erschossen. EineAusstellung und eine Biografie erläutern Eisners publizistisches und politisches Wirken.

Germaine Krull: Kurt Eisner, Fotografie, vor Februar
1918| © Münchner Stadtmuseum

»Die Dynastie Wittelsbach ist abgesetzt! Bayern ist fortan ein Freistaat!«, so lautet seine berühmte Proklamation vom 8. November 1918. Zum 150. Geburtstag Kurt Eisners, zwei Jahre vor seinem 100. Todestag, widmet das Stadtmuseum dem ersten bayerischen Ministerpräsidenten nun eine umfangreiche Ausstellung. Die Stationen seiner Lebenswelt und seines Wirkens lassen sich in zwei Räumen chronologisch abschreiten: Berliner Kindheit, der Vater, jüdischer Textilfabrikant, betreibt ein Hoflieferantengeschäft, das nach 1866 in finanzielle Schieflage gerät, abgebrochenes Studium der Literaturgeschichte und Philosophie, erste Arbeiten als Journalist. In den monarchistischen und nationalkonservativen Münchner Kreisen wird Eisners Herkunft aus dem Berliner Judentum später als doppeltes Stigma empfunden, das ihm bis weit nach seinem gewaltsamen Tod anhaftet.

In der von Michael Georg Conrad herausgegebenen Münchner Zeitschrift »Die Gesellschaft« findet Eisner ein befreiendes Pathos des Neubeginns, der Überwindung herrschender Zustände. Hier veröffentlicht er 1892 eine Art persönliches Manifest, das Resultat seiner frühen Auseinandersetzung mit der Arbeiterbewegung und der zeitgenössischen Lebensphilosophie: »Psychopathia spiritualis. Friedrich Nietzsche und die Apostel der Zukunft«. Sein Postulat: die »Aristokratisierung der Masse«. 1898 holtihn Wilhelm Liebknecht zum »Vorwärts«, wo er innerhalb des Redaktionskollektivs bald zum anerkannten geistigen Mittelpunkt avanciert. Freilich gerät er wenig später schon zwischen die Stühle, wird als »Literat«, »Schwärmer«, »schöngeistiger Phantast« verdächtigt: Eisner steht zwar auf dem Boden des Erfurter Programms der SPD von 1891, als Neukantianer und Nichtmarxist allerdings auch ganz isoliert da und in Opposition zu den Programmatikern Bebel und Kautsky. Überhaupt lassen sich die Kontroversen und ideologischen Strömungen der Jahrhundertwende in der Ausstellung erfreulich detailliert nachvollziehen. Wer sich die Zeit zur Lektüre nimmt, kann auf den Ruhebänken in reprografierten alten »Vorwärts«-Ausgaben blättern und sich festlesen.

Der kurze Höhepunkt und der tiefe Fall

1914 befürwortet auch Eisner zunächst den »nationalen Verteidigungskrieg«. Sein gutes Verhältnis zur bayerischen und Münchner Sozialdemokratie zerbricht aber mit seinem Umschwenken zu einem überzeugt kriegskritischen Kurs. Die militaristische Indoktrination des deutschen Alltags jener Tage kulminiert in einem irrsinnigen Fundstück der mit Texten und Bildern üppig, mit Objekten zurückhaltend, aber klug bestückten Schau: Ein »Electrischer Schiessautomat« ermahnte 1914 den (jungen) Benutzer mit der Parole »Ueb Aug und Hand für’s Vaterland«. Eisner wird Mitglied im pazifistischen »Bund Neues Vaterland« und in der »Münchner Friedensvereinigung«, wo er Ludwig Quidde, Lida Gustava Heymann und Anita Augspurg begegnet. Ihm wird bei aller Loyalität zunehmend deutlich, dass dieser Krieg »ein deutscher Expansionskrieg« ist, wie er 1915 an den SPD-Reichstagsabgeordneten Wolfgang Heine schreibt. So toleriert er auch immer weniger den Kurs der Mehrheitssozialdemokraten und tritt 1917 in die USPD ein.

Franz Hartl: »Die Reaktion marschiert!« Ministerpräsident Kurt Eisner in Begleitung seiner Frau und des Sekretärs Felix Fechenbach auf derRätedemonstration in München am 16. Februar 1919

Den Münchner Arbeiteraufständen, der Revolution 1918, der Regierung Eisner – sie währte nur 105 Tage – und der Räterepublik nach seiner Ermordung am 21. Februar 1919 »durch das dumme Vieh Graf Arco-Valley« (Kurt Hiller) widmet sich der zweite Raum ausführlich. Dass Eisners Tod und das blutig-dilettantische Scheitern der folgenden Räterevolution im Kugelhagel von Freikorps und (SPD-)Regierungstruppen der »erwachenden« NS-Bewegung den Weg bereitete, ist hinlänglich bekannt. Eisners beharrliche Weigerung, die perfide Publizistik seiner Gegner durch Zensur zu unterbinden, gewinnt im Rückblick tragische Dimensionen. Die haufenweise anonymen Schmähzuschriften, deren einige hier ebenfalls in ihrer deprimierenden Dummheit gezeigt werden, erinnern fatal an die »Shitstorms« der Gegenwart. Schon Oskar Maria Graf empfand Eisners Beisetzung als Ende einer Epoche: »Es war wirklich, als das letzte Hoch auf die Revolution erschallte, als schrie die Erde selber«, schreibt er in dem Bekenntnisbuch »Wir sind Gefangene«.

Die von Ingrid Scherf und Günter Gerstenberg kuratierte Schau zeigt Mut zu Materialfülle und Textlastigkeit, ohne darüber den wortwörtlich roten Faden der Münchner Revolutionsereignisse und ihrer langen Vorgeschichte zu verlieren. Text- und Zitattafeln laden wie von selbst zu vertiefender Lektüre. Das bis heute schiefe Bild Eisners wird hier sachlich geradegerückt; einem oft Verkannten und von konservativer Seite Geschmähten wird damit späte Gerechtigkeit zuteil. Schade, dass kein Katalog diese aufschlussreiche Präsentation dokumentiert. Wer weiterlesen möchte, kann sich die von Cornelia Naumann und Günther Gerstenberg herausgegebenen »Steckbriefe gegen Eisner, Kurt u. Genossen wg. Landesverrats« besorgen, ein dokumentarisches Lesebuch zu den Münchner Revolutionsereignissen im Januar 1918 (Verlag Edition AV, 2017, 310 Seiten, 24,90 Euro), oder die politischen Reflexionen Eisners in seinem »Gefängnistagebuch« (Metropol Verlag, 2016, 224 Seiten, 19 Euro). Im Herbst erscheint bei Pustet in der Reihe »kleine bayerische biographien« das Bändchen »Kurt Eisner. Ein revolutionärer Humanist«. In jedem Fall kann man auf die Biografie von Bernhard Grau zurückgreifen. Die schlängelt sich nicht geschwind-geschmeidig durch Lebensstationen, historische Eckdaten und populäre Stereotypen, sondern ist eine aus langen Archivstudien erwachsene Doktorarbeit: fast 500 Seiten Text, 270 Seiten Anmerkungen, Nachweise und Literaturverzeichnis. Dass dieses gerade neu aufgelegte Grundlagenwerk schon 1998 geschrieben und 2001 gedruckt wurde, ist kein Mangel.

Auf dem rechten Auge blind

Wir lernen nicht nur Eisners Lebensweg, sondern auch das soziale Milieu einer Epoche kennen, nicht nur seine schulischen Leistungen, sondern den ganzen Stundenplan, und ebenso interessant und detailliert informiert Grau über Eisners Studium, seine vielfältigen Erfahrungen im Pressegewerbe, seine Position in der Sozialdemokratie. Journalisten seien Leute, so Bismarck, die ihren Beruf verfehlt hätten, und wie Eisner hier in einer Zeit tiefgreifender Umbrüche sich hochgedient und behauptet, oft den Kürzeren gezogen und sich souverän politisch artikuliert hat, lohnt allein die Lektüre. Er sah sich anfangs als Dichter und Literat, aber da wusch ihm 1889 ein Freund den Kopf: »Wer heute, wo die allgemeine Not zum Himmel schreit und alle Guten sich zusammenschließen müssen gegen den gemeinsamen Feind, Zeit hat für literarhistorischen Blak und die Menschen nach ihrem Kunsturteil beurteilt, der handelt so gemütvoll wie unsere Bourgeoisie, die ihrer privaten Meinungen willen die ganze Menschheit verhungern sehen kann.«

Eisner wurde ein Aufklärer und Volkspädagoge, entwickelte sich zum Pazifisten, zum Revolutionär. 1917/18 war er Mittelpunkt eines Diskussionskreises der Arbeiterjugend, zu dem sein späterer Sekretär Felix Fechenbach und der junge Oskar Maria Graf zählten. Vieles von dem, was Eisner antrieb, was er verwirklichen wollte, ist auch heute noch bedenkenswert. Am Ende der Ausstellung steht die traurige Bilanz des Statistikers Emil Julius Gumbel (»Vier Jahre politischer Mord«, 1922): Zwischen 1919 und 1922 sind demnach von 376 politisch motivierten Morden 354 dem rechten Spektrum zuzuordnen, 22 dem linken. Bei den 354 Morden kam es zu keiner Hinrichtung, einer lebenslangen Strafe und durchschnittlich vier Monaten Haft pro Mord. Nach den 22 von links motivierten Morden gab es allein zehn Hinrichtungen. ||

REVOLUTIONÄR UND MINISTERPRÄSIDENT – KURT EISNER (1867–1919)
Münchner Stadtmuseum| St.-Jakobs-Platz 1 | bis 8. Oktober
Di bis So 10–18 Uhr | Führungen: 9. 8., 16.30 Uhr; 11. 8., 18 Uhr (mit Stadtrundgang)

BERNHARD GRAU: KURT EISNER 1867–1919. EINE BIOGRAPHIE
C.H. Beck, 2017 | 651 Seiten, 23 Abb. | 22 Euro