Der Elisabethmarkt in Schwabing bedarf einer Generalüberholung. Bauchweh verursacht manchen Standlbetreibern und Anrainern aber vor allem der geplante Neubau.

Den Wohn- und Geschäftskomplex am Elisabethplatz haben Bruno Fioretti Marquez Architekten, Berlin, mit Cappati Staubach Urbane Landschaften, Berlin, entworfen. Ob der Entwurf tatsächlich so »leicht und durchlässig« wird, wie Stadtbaurätin Merk meint, wird man sehen| © SSKM

»Uns wird wohl nichts anderes übrig bleiben«, kommentiert Helmut Breu den Stadtratsbeschluss zum Markt am Elisabethplatz in Schwabing. Wenn in zwei Jahren der Umbau losgeht, muss der langjährige Obst- und Gemüsehändler mit seinem Stand in die benachbarte Arcisstraße ausweichen. Wie lange er mit seinen Kollegen das Notquartier beziehen muss, ob die Kunden trotz der Großbaustelle treu bleiben, ob der Umsatz reichen wird, steht zwar nicht in den Sternen, aber ist doch recht ungewiss. »20 Jahre lang ist hier nichts passiert«, erzählt Breu weiter, und sein Kollege Karl Huczala ergänzt, dass man kaum noch in seine Standeinrichtung investiert habe, weil ja klar war, dass irgendeine Form von Umbau, Neubau, Modernisierung kommen werde. Aber die Prozesse bis zu einer Entscheidung seien einfach zu lang. Auch jetzt sind die Planungsmöglichkeiten recht vage, aber zumindest hat der Protest im Viertel ein ganz wichtiges Ziel erreicht. Wer jetzt einen Stand oder ein Geschäft an diesem alten Münchener Lebensmittelmarkt hat, wird ihn auch nach der Umbauzeit wieder beziehen können. Das war nach der alten Marktsatzung nicht selbstverständlich.

Geliebte Gewohnheit
1903 wurde der jetzt so umstrittene Markt in Schwabing eingerichtet, Straße und Platz nach der Kaiserin von ÖsterreichUngarn benannt, die wenige Jahre zuvor in der Schweiz einem Attentat zum Opfer gefallen war. Schließlich war Elisabeth eine geborene von Bayern und beim Volk schon lange vor Ernst Marischkas legendären Sisi-Filmen äußerst beliebt. Aber ist der Elisabethmarkt eine erhaltenswerte, städtebauliche Schönheit? Falsche Frage vermutlich! Der Großteil der Bürgerschaft liebt das Gewohnte, vor allem wenn es funktioniert. Und man schätzt zu Recht die Patina der Beständigkeit. Neues, Anderes, Geändertes, Verschwundenes gibt es in München genug, wenn man in unserer Stadt von einer Baustelle zur nächsten Sperre, von einer Belästigung zur nächsten Behinderung fährt.

Aber hemmt die Anhänglichkeit der Bevölkerung an alte Schuppen nicht jede Kreativität unserer Planer und Architekten? »Was glauben Sie denn, wofür Architektur da ist?«, antwortet uns Prof. Elisabeth Merk, Chefin im Referat für Stadtplanung und Bauordnung. »Architektur ist doch keine freie Skulptur! Der Elisabethmarkt braucht keine übertriebenen Gestaltungsversuche. Der Markt benötigt einfache Strukturen und freie Zugänglichkeit von allen Seiten. Dazu ein solides und einheitliches Design, Lösungen für störungsfreie Anlieferung, für Mülllagerung, für Ruheplätze, an denen man sein frisch gekauftes Obst waschen und gleich essen kann und so weiter. Das sind originäre Aufgaben der Architektur und keine Gestaltungsdiktate. Wichtig ist, dass die Dinge, die dort passieren, nämlich Verkauf und Einkauf, Händler, Waren und Käufer den Hauptauftritt behalten.« Für gewachsenen Baubestand in München gibt es langjährige Toleranzzeiten in München, erklärt Merk weiter. Aber gerade bei Märkten geht es um Fragen der Lebensmittelsicherheit.

Weiterentwickelte Nachfrage
Und da hört der »Spaß« auf, erfahren wir auch im Gespräch mit dem Standbetreiber Karl Huczala. »Für uns in Deutschland ist das eine Selbstverständlichkeit«, sagt er, »aber wie viel Aufwand hinter den Kulissen notwendig ist, um mit den modernen Bestimmungen Schritt zu halten, das wissen nicht viele.«
So verlangen die Händler moderne Arbeitsmethoden hinter den Kulissen, was störungsfreie Anlieferung, Hygiene, Kühl- und Lagermöglichkeiten und Abfallbeseitigung angeht. Den Flair und den nostalgischen Look der Marktstände und Spezialitätenhäuschen am Markt wieder hinzubekommen, da hoffen die Händler auf das Geschick der Architekten. Am Kaufpublikum wird es nicht liegen, glaubt man in der Händlerschaft. Denn der Elisabethmarkt hat zu 80 Prozent Stammkundschaft. »Für die Qualität werden wir schon sorgen, da können sich die Kunden drauf verlassen«, verspricht sein Nachbar Breu. Und natürlich wird man das Angebot ergänzen und genau schauen, was das Publikum ringsum möchte. Nachfrage entwickelt sich eben auch weiter. Ein Gedanke, eine Spekulation, die an einen zweiten Großbau in unmittelbarer Nachbarschaft mit neuem, womöglich jungem Publikum anknüpft.

Denn direkt neben dem Markt wird ein großer Wohn- und Geschäftskomplex entstehen. Bauherr ist die Sparkasse, und natürlich konnte der im ganzen Land unentbehrliche Geldkrake seine Baupläne gegenüber der Stadt durchsetzen. Das »Monsterwerk«, von den Gegnern der Pläne so genannt, die immerhin über 23.000 Unterschriften zusammenbrachten, wird den Elisabethmarkt von einer Seite einriegeln. Der namhafte Münchner Galerist Rüdiger Schöttle ist tief verärgert über die Art und Weise, wie Stadt und Stadtsparkasse die Bauabsichten durchgesetzt haben. »Ein unglaublicher Monolith ist das, der aus reinem Geschäftsinteresse gebaut wird«, schimpft Schöttle. »Und wie es abgewickelt wurde – ein Paradebeispiel bürokratischer Durchsetzung von Stadt- und Bankeninteressen.«

»Mal abwarten und bauen lassen«, empfiehlt dagegen die Raumplanerin Merk. Sie hat Verständnis für den Schwabinger Gegenwind, sagt aber auch, dass sich viele Bürger nach Vorlage von Bauplänen und ersten Modellen noch keine rechte Vorstellung machen können, wie das Gebaute später aussehen werde und in die Umgebung eingepasst sei. Das beauftragte Architekturbüro habe schon mehrfach bewiesen, dass es für Großbauten leicht und durchlässig wirkende Lösungen finde. Stadtrat Wolfgang Zeilnhofer von der Liste Hut, hat mit seiner Fraktion (FDP, Liste Hut) gegen die Vorlage gestimmt. »Wir waren für Modernisierung und sanften Umbau am Elisabethplatz, nicht für kompletten Neubau. Aber jetzt gibt es einen Mehrheitsbeschluss und mit dem muss nun gearbeitet werden.« Die Liste Hut, die sich in ihrem Programm für stärkere Bürgerbeteiligung ausspricht, hat inmitten der Amtsperiode nach vielen Konflikterfahrungen nun einen differenzierteren Blick auf das Thema. »Wir brauchen nicht nur mehr Einfühlungsvermögen bei den Politikern, sondern auch bei den Bürgern die Bereitschaft, den engeren Blick auf ihr Viertel einmal zu verlassen und sich zu fragen, was die Veränderung für die Kommune bringt. Sonst kommen wir in eine Stadtteilverwaltung und die Linie fürs Ganze geht verloren.«

Den Charme erhalten, trotz VeränderungVorlage, Durchführung und auch die politische Durchsetzung liegen weitgehend in der Regie des städtischen Kommunalreferats. Dieses Amt wacht auch über Münchens Lebensmittelmärkte. Referatsleiter Axel Markwardt (SPD) fragt zurück: »Was bedeutet denn Bauen? Doch wohl eine Zukunftsperspektive! Natürlich kann man über die Stellschrauben diskutieren, und ich weiß auch, dass jede Baustelle erst einmal eine Katastrophe für die Anwohner bedeutet. Aber wir werden darauf achten, dass der Charme des Marktes erhalten bleibt.« Markwardt sieht beim Umbau des Elisabethmarktes drei grundsätzliche Prämissen, und die rufe er bei jeder Stadtteilsanierung auf. Erstens müsse der besondere Flair des Ortes gerettet und erhalten werden. Zweitens muss die Zukunft für das Gewerbe gesichert sein. Und Drittens müssten die aktuellen Vorschriften umgesetzt sein. Bleiben die alten Kulturfunktionen eines Marktes? Ja, meint Markwardt. Diskussion, Meinungsbildung, Tratsch, Plauderei – all diese kommunikativen Werte hätten die städtischen Märkte immer noch, besonders die kleineren.

Und er hoffe, dass auch die bisherigen Gegner des Projekts ihre Interessen in der nun begonnenen weiteren Planungsphase kooperativ anmelden werden.Auf dem Sandspielplatz in der Mitte des Elisabethmarktes treffen wir Harald Seibel mit seinen Kindern Philipp (5) und Maria (6). Der nimmt die Sache pragmatisch: »Die Stadt kann den Platz ja nicht verlottern lassen«, sagt er. »Zwei Jahre haben wir ja noch hier zum Spielen. Dann fängt eh die Schule an, und die Kinder haben vielleicht andere Interessen. Ist halt immer Veränderung.« ||