Der Münchner Stahlbildhauer Alf Lechner schuf Werke von kalkulierter Reduktion und monumentaler Kraft. Ihre kluge, sensible Schönheit lässt sich in ganzer Fülle in Ingolstadt und Obereichstätt erfahren.

Ansicht des Skulpturenparks in Obereichstätt | © Alf Lechner Stiftung, Foto: Werner Huthmacher, Berlin

Ein strahlender Sonnentag in Obereichstätt an der Altmühl. Das Anwesen der Lechners liegt inmitten des Ortes: seit dem Mittelalter ein Eisenhüttenwerk, dabei auch ein Steinbruch, der in den 80er Jahren stillgelegt wurde. 1995 kauften Alf und Camilla Lechner das aufgelassene Gelände. Der Stahlbildhauer Alf Lechner war fasziniert von den riesigen Werkhallen, ideal für seine bis zu 100 Tonnen schweren Metallskulpturen. Jahrelang wurde renoviert und gebaut, bis das 23.000 Quadratmeter große Areal 2001 bezogen werden konnte.

Der heutige terrassierte Skulpturenpark ist das »Open-Air-Lager« für Lechners Kunstwerke. Darüber hinaus gibt es noch das Glashaus mit einer Installation aus Metallstelen, das Papierhaus mit wechselnden Ausstellungen seiner Zeichnungen, ein Haus für Modelle, das Wohnhaus, zu dem ebenfalls ein Ausstellungssaal gehört, und die große Halle, mit der sich der Künstler seinen Lebenstraum erfüllt hat und in dem die größten seiner Skulpturen ausgestellt sind. Die Halle sei genauso groß wie die Turbinenhalle der Tate Modern, erzählt Camilla Lechner.

Am 25. Februar dieses Jahres starb Alf Lechner, er wurde 91 Jahre alt und hatte die letzten Jahre seines Lebens schwere Krankheiten durchzustehen. Aber er hat nie aufgehört zu arbeiten, Pläne zu schmieden, und noch am Tag, bevor er starb, erzählte er seiner Frau stundenlang von seinen künftigen Projekten. Er fehlt. Camilla Lechner muss sich nun allein um das riesige Anwesen kümmern und häufig
passiere es ihr, dass sie spontan loslaufen wolle, um ihn etwas zu fragen, ehe ihr bewusst wird, dass er nicht mehr da ist. »Wir waren zwar kein normales Paar – aber wir waren 30 Jahre lang Tag und Nacht zusammen.«

Ansicht des Skulpturenparks in Obereichstätt | © Alf Lechner Stiftung, Foto: Werner Huthmacher, Berlin

Alf Lechner hat es zu weltweiter Bekanntheit gebracht. Von der Kunstkritik wird er in einem Atemzug mit den großen Stahlbildhauern Richard Serra und Eduardo Chillida genannt. Seine Skulpturen sind an vielen prominenten Orten zu finden: in München am Flughafen, vor der Alten Pinakothek, im Maximilia neum, in Freiburg, in der Nationalgalerie in Berlin, im Lehmbruck-Museum in Duisburg – und in Ingolstadt, der zweiten Heimstatt seines Werkes. Er hätte für sein Œuvre hierzulande noch viel mehr Ruhm verdient, als ihm zu Lebzeiten zuteil wurde: zuerst 1972 der Münchner Kunstförderpreis, zuletzt das Bundesverdienstkreuz und der Bayerische Verdienstorden. Doch Lechner war eher öffentlichkeitsscheu – und oft froh, wenn er nach Vernissagen oder Ehrungen wieder zurück an
seine Arbeit gehen konnte.

Aufgewachsen ist der 1925 geborene Künstler in der Schwabinger Mandlstraße. Er war ein waschechter Bayer von beachtlicher Statur, mit barocken Neigungen – ein Genussmensch durch und durch – und ein hochsensibler Künstler. Zum Zeichnen und zur Malerei kam er in jungen Jahren durch den Landschaftsmaler Alf Bachmann, mit dem er befreundet war und der ihm das »Handwerk« beibrachte. Die Aufnahmeprüfung an der Akademie schaffte er nicht. Stattdessen machte er eine Schlosserlehre, arbeitete als Grafik- und Industriedesigner und gründete die Firma Litema – Lichttechnik und Metallverarbeitung. Dass er später als Künstler gut leben konnte, verdankte er seiner Erfindung der ersten Kaltlichtlampe. Denn er verkaufte die Firma und wagte den Sprung ins freie Künstlerdasein. In den 60er Jahren zog er nach Degerndorf, wo er seine großformatigen Skulpturen entwickelte. In Geretsried baute er 1982 ein Heizkraftwerk zu Atelier und Wohnhaus um. 1999 gründete er die Alf Lechner Stiftung. Die Stadt Ingolstadt hatte angeboten, ihm eine Fabrikhalle als Museum zu widmen, das 2000 eröffnete Alf-Lechner-Museum mit der preisgekrönten Glasfassade der Münchner Architekten Erhard und Florian Fischer.

Der Widerstand des Materials

Dort gibt es Wechselausstellungen zur Gegenwartskunst und natürlich der Werke Lechners zu sehen. Noch bis 17. September werden erstmals seine frühen Zeichnungen und Aquarelle der Nachkriegszeit gezeigt, in Kombination mit dem abstrakten zeichnerischen und skulpturalen Spätwerk, darunter Lechners letzte Skulpturengruppe »Würfelschnitte« von 2014.Sein Lebensziel, so erklärte er, war die Einfachheit. »In der Einfachheit steckt so viel Kompliziertes, dass man gar nicht einfach genug sein kann. Wirkliche Entdeckungen macht man ja nur in den einfachsten Formen.« Geometrische Körper wie Würfel, Quader, Zylinder oder Kugel waren sein Ausgangsmaterial, das er auf vielfältige Weise in neue Formen zerlegte.

Er kämpfte mit dem Material, brauchte dessen Widerstand, wenn er die radikale Reduktion auf die Form und deren Qualitäten verwirklichte, oder wie er es ausdrückte: »Ich will durch planmäßige Zerlegung, Verbiegung und Neuordnung der Teile einer einfachen Form systematisch geordnetes Denken sinnlich wahrnehmbar machen.« Ab Ende der 50er Jahre entstanden seine erste Stahlskulpturen – er sollte diesem Werkstoff noch mehr als 50 Jahre treu bleiben und kannte sein Material und dessen Eigenschaften in- und auswendig. Seine rostigen Form-Harmonien waren nicht jedermanns Sache und lösten durchaus auch Kontroversen aus. Doch wer dem Auge erlaubt, die Ruhe und Klarheit seiner Werke zu sehen, kann sich ihrer Energie kaum entziehen. Sie strahlen eine archaisch anmutende Schönheit und Vollkommenheit aus.

So auch die Würfelschnitte der letzten Jahre. Die schweren Kuben trennen, ergänzen und verschieben sich, die Haut aus Stahl und Rost vibriert. Zum Schluss führt Camilla Lechner noch zur Grabstätte ihres Mannes in einem kleinen kapellenartigen Gewölbe. Dort steht auf einem Altar ein Würfel aus Stahl, den sie für die Aufbewahrung der Urne hat anfertigen lassen. ||

ALF LECHNER. ANFANG UND KEIN ENDE
Lechner Museum| Esplanade 9, 85049 Ingolstadt | bis 17. September| Do bis So 11–18 Uhr
27. August, 14 Uhr: Kombinationsführung mit dem Lechner Skulpturenpark | 3. Oktober,
14 Uhr: Sonderführung Skulpturen im öffentlichen Raum

LECHNER SKULPTURENPARK
Alf Lechner Stiftung| Allee 3, 91795 Obereichstätt | Besichtigung nur im Rahmen von Führungen, jeden letzten Sonntag im Monat (27. August), Sonderführungen nach Anmeldung unter: 0841 3052250 oder
info@alflechner-stiftung.com