Mit rationaler und sinnlicher Radikalität emotionalisierte Willy Fleckhaus die Gestaltung. Eine Ausstellung in der Villa Stuck erinnert an den Meister visueller Kommunikation.

twen, Nr. 12, 1966, Fotografie: Sam Haskins, Grafische Gestaltung: Willy Fleckhaus|| © Carsten Wolff, FINE GERMAN DESIGN, Frankfurt am Main

Willy Fleckhaus? Fast ist sein Name in Vergessenheit geraten. Das ist durchaus verwunderlich angesichts der Lebensleistung dieses Mannes. Eine umfangreiche Ausstellung in der Villa Stuck mit über 350 Exponaten hilft nun, diesem Missstand abzuhelfen. Fleckhaus war einer der wichtigsten Typografen und Grafikdesigner der Nachkriegszeit. Er hat unsere Ästhetik revolutioniert. Wie kein anderer war er in der Lage, das Lebensgefühl der späten 50er, der 60er bis 80er Jahre in optischer Form umzusetzen. Er gestaltete ikonische Druckwerke – allen voran die Zeitschrift »twen«. Seine Idee war es, die neue Taschenbuchreihe »edition suhrkamp« ins Spektrum der Regenbogens zu kleiden. Für zahlreiche Bücher, Plakate, Ausstellungen und Logos, die sich bis heute erhalten – und frisch gehalten – haben, war er verantwortlich.

Es ist einzig und allein der akribischen Recherche des Kurators Michael Koetzle zu verdanken, dass der Nachwelt das Schaffen von Willy Fleckhaus überhaupt in Gestalt dieser Ausstellung nahegebracht werden kann. Es existierten keine Archive, in denen man sich einfach hätte bedienen können, sondern jedes Schnipselchen Papier, jedes Plakat, jede Zeitschrift wurde in mehr als 20 Jahren in mühsamer Kleinarbeit von Koetzle zusammengetragen. Unfassbar eigentlich, dass fast alle Spuren dieses Genies – man darf Fleckhaus ruhig so bezeichnen – verschwunden sind. Einer der Gründe ist sicherlich sein früher Tod. Fleckhaus wurde nur 57 Jahre alt. 1983 verstarb er an Herzversagen in seinem Sehnsuchtsland Italien.

Will McBride: Willy Fleckhaus, um 1970
© Will McBride Estate

Doch der Reihe nach: Wilhelm August Fleckhaus wurde als Sohn einfacher Leute 1925 in Velbert geboren. Der Verlust der Jugend durch das Kriegsgeschehen ist möglicherweise ein Grund für den explosionsartigen Ausbruch geballter Kreativität, den er in seinen frühen Berufsjahren entwickelte. Zunächst hatte er sich dem Journalismus zugewandt und war Redakteur von Blättern wie »Fährmann« und einer Zeitschrift für die Gewerkschaftsjugend mit dem Titel »Aufwärts«. Schon bald kehrte er dem Schreiben den Rücken und wandte sich dem visuellen Erscheinungsbild, dem Layout des Blattes zu, das in Fachkreisen zur Legende wurde.

Michael Koetzle erzählt, ständig habe ihm jemand von diesem »Aufwärts« vorgeschwärmt und nirgendwo sei noch ein Exemplar zu finden gewesen. Er fuhr in die Frankfurter Nationalbibliothek: nichts! Kein Mensch wusste etwas oder hatte noch Exemplare. Die Suche bekam nachgerade kriminalistischen Charakter: »Dann rief ich beim Bund-Verlag in Köln an, wo die Zeitschrift erschienen war. Dort hatte auch keiner eine Ahnung. Ein Lektor erbarmte sich und bot an, sich umzuhören. Zwei, drei Monate später rief er an und sagte: »Ich habe was gefunden. Im Keller beim Altpapier.« Koetzle fuhr sofort nach Köln. Der Lektor hatte gebundene Jahrgänge entdeckt – und als Koetzle fragte, ob er die kopieren dürfe, sah ihn der Lektor fassungslos an und sagte: »Die können sie mitnehmen.«

Die Print-Revolution!

Untrennbar mit dem Namen Fleckhaus verbunden aber ist sein Hauptwerk auf dem publizistischen Sektor: Gemeinsam mit Adolf Theobald und Stefan Wolf gründete er 1959 die Zeitschrift »twen«, die sich an ein junges Publikum richtete. Damals waren gerade »Niethosen« in Mode gekommen, die Marke hiess »twen«. Die junge Redaktion erkundigte sich beim Textilhaus Wormland, ob sie den Namen verwenden dürfte, und so begann die Ära »twen«. Auch von dieser Zeitschriftenlegende gab es kein Archiv. Mühsam hat der Kurator die Hefte aus allen möglichen Quellen zusammengesucht. Bereits 1995 hatte er mit seinen Fundstücken eine Ausstellung über die Zeitschrift im Münchner Stadtmuseum ausgerichtet. »Twen« war ein Paukenschlag auf dem Printmarkt. Es war keine »Quick« (auch für die hatte Fleckhaus gelayoutet und das Logo entworfen), keine »Bunte« und auch kein »Stern«. So etwas hatte man noch nie gesehen: seitenlange Fotostrecken, Bilder mit großen angeschnittenen Gesichtern. Kritische Inhalte und eine völlig neue Typografie.

Der Text hatte sich in aller Regel dem Bild unterzuordnen. Fleckhaus ging zur Photokina, deren Katalog und Messedesign er gestaltete, und sprach die Fotografen an, deren Bilder ihm gefielen. Will McBride und manch anderer sind durch »twen« groß geworden. McBride verstand es, sensationelle Fotostrecken zu schießen. Es gab Shootings von Romy Schneider, Ursula Andress, Francoise Hardy oder Hildegard Knef. Fleckhaus verstand es, oft nur aus wenigen Motiven atemberaubende Bildstrecken zu komponieren. »Da hat man internationale Stars gefeiert – nicht deutsche Schlagersänger wie die anderen«, so Koetzles Kommentar. Oder Fotos einer Schwangeren mit offenem Jeansknopf. Ein Skandal! Es kam sogar zu einer Anzeige. Im Zeitzeugen-Film der Ausstellung erzählt Fotograf Guido Mangold, wie er Uschi Obermaier entdeckte und die mit »twen« ihre Karriere begann.

Der Regenbogen im Bücherregal

Kurator Koetzle gab sich Mühe, so viele Gefährten und Zeitgenossen wie möglich zu befragen. Was war das für ein Mensch, wie arbeitete er? Wie war er im Umgang mit seinen Mitarbeitern oder – später – mit seinen Studenten? Die Folkwangschule in Essen und danach die Bergische Universität in Wuppertal holten ihn für das Fach Kommunikationsdesign. Da war er, noch zu Lebzeiten, bereits Legende. Studenten aus seiner Schule hatten, egal wo sie arbeiten wollten, eine Eintrittskarte. Durch Fleckhaus wurde der Begriff und Beruf »Art Director« importiert und er bekam das Label des »teuersten Bleistifts Deutschlands« angeheftet.

Immer wieder Paukenschläge und zugleich höchste Konzeptionskunst waren seine Buchgestaltungen. 1959 revolutionierte er mit der »Bibliothek Suhrkamp« das Erscheinungsbild des Verlages – waren zuvor die Schriften der dezenten Umschläge dieser modernen Klassiker-Serie von Hand gezeichnet, gelang ihm eine Reduktion von zeitloser Klarheit, mit geometrischen Flächenproportionen und dem farbigen umlaufenden Streifen. Die Bändchen der schon erwähnten »edition suhrkamp« gerieten zum Kult- und Prestigeobjekt. Jeder, der intellektuell etwas gelten wollte, schaute tunlichst, dass er den Regenbogen in seinem Buchregal komplett vorführen konnte. Und auch ein elegantes Redesign des Magazins der »Frankfurter Zeitung« ging auf sein Konto. Immer traf Fleckhaus mit traumwandlerischer Sicherheit die richtige Optik und schuf einen Paradigmenwechsel aller erdenklichen Druckwerke. Und seine Studenten lehrte Willy Fleckhaus das Sehen nicht über das Denken, sondern das Denken über das Sehen. ||

WILLY FLECKHAUS – DESIGN, REVOLTE, REGENBOGEN
Museum Villa Stuck | Prinzregentenstr. 60 | bis 10. September
Di.–So. 11–18 Uhr | Der Katalog (240 S., zahlr. Abb.) kostet 29,90
Euro | 5. Sept.: Führung mit Kurator Hans-Michael Koetzle | 6. August, 18–22 Uhr: Eintritt frei | 21. Juli, 19 Uhr: Streitgespräch mit Hans-Michael Koetzle und Wolfgang Jean Stock über »Otl Aicher und Willy Fleckhaus. Zwei konträre Gestalter in Zeiten bundesrepublikanischen Aufbruchs« | 7. Sept., 19 Uhr: »Theorie hin, Theorie her, ich mache einfach etwas«. Gespräch mit den Magazin-Machern Christoph Amend. Mirko Borsche, Thomas Kartsolis und Timm Klotzek