In ihrem neuen Stück »vague de corps« will Stephanie Felber eine Zusammenkunft von Körpern zwischen Akteuren und Publikum schaffen und sie dann dem Augenblick übergeben. Ein Gespräch.

Gliederpuppen-Inszenierung | © Stephanie Felber

Die Münchner Choreografin, die auch mit Foto und Video arbeitet, hat als Tänzerin u. a. mit Tino Sehgal, Susanne Linke und Chris Ziegler und in Researchprojekten mit Nigel Charnock und Benoît Lachambre gearbeitet. Als Kunst-Dozentin kann sie, wie sie sagt, eine Forschungsweise vermitteln. Aber wie kann man in einem Stück ein interaktives Agieren mit dem Publikum anzielen? Das Interview findet vor Beginn der im Juli angesetzten Proben statt. Strukturen sind noch nicht formuliert. Tricks, wenn es welche gibt, werden auch nicht verraten.

Erin Manning ist als Mentorin genannt. Wie kam es dazu?
Die habe ich auf meinem von der Stadt geförderten Stipendium auf Hydra, bei R.I.C.E., einer Schule für soziale Choreografie, kennengelernt. Sie kommt aus Kanada, ist Philosophin und macht als Künstlerin textile Installationen. Und sie ist jemand, der sehr praktisch in Bewegung denkt. Sie leitet das SenseLab in Montreal, ein interdisziplinäres Forschungsnetzwerk. Und das Alltägliche in der Kunst ist
etwas, das mich auch sehr beschäftigt

Ist das Soziale schon länger Ihr Interessengebiet?
»Soziale Choreografie«, das wäre doch was für mich, haben Freunde gesagt. Ich beobachte wahnsinnig gern auf der Straße: Interaktionen, Gestik. Ich wollte dann genau wissen, was das ist.

Die Arbeit findet aber im geschlossenen Theaterraum statt.
Natürlich ist es eine andere Art zu arbeiten als im öffentlichen Raum. Es ist konzentrierter. Denn ich spiele mit Wahrnehmung und Aufmerksamkeit. Und ich denke dabei choreografisch mit dem Zuschauer als Objekt im Raum. Ich habe einmal in Ljubljana Zuschauer auf die halb-halb beleuchte Bühne gebeten, und ich dachte, die stellen sich eher ins Dunkel – nein, alle wollten ins Licht. Das kann sich aber in anderen Kulturen ganz anders abspielen.

Selbstporträt| © Stephanie Felber

Wie kann man den Zuschauern Verantwortung übertragen, ohne sie, etwa durch Mitmachentscheidungen, zu bevormunden?
Ich arbeite mit zwei Strukturen, einer festen, Sicherheit bietenden, und einer freien Partitur. Ich mag es auch, wenn Besucher ablehnen, das ist legitim. Mitmachen ist nicht das Ziel, sondern eher – dazu dient die freie Partitur – das Austarieren der Aktionen und Interaktionen. Es ist auch möglich, sich als Teil der Gruppe zu fühlen, auch wenn man nicht aktiv handelt. Und es soll auch nicht die ganze Zeit
eine Gemeinschaftssituation aufrecht erhalten werden. Der Zuschauer, mit auf der Bühne, stellt ja ständig selbst durch Entscheidungen individuelle Abgrenzung und Gemeinschaften her.

Und was ist fix geplant?
Es steht noch gar nichts fest, aber vielleicht werden nicht alle Akteure gleich auf der Bühne sein, so dass über einen längeren Zeitraum in Frage steht, wer ist Akteur, wer Zuschauer. Es sind fünf Performer und wir arbeiten dann – in der Tanztendenz – einen knappen Monat, jeden Tag sieben Stunden. Das Pathos als Aufführungsort habe ich gewählt, weil ich langgestreckte Räume mag, die keinen perfekten Zuschnitt haben für den Theaterblick.

Unter dem Titelbegriff habe ich im Netz nur gewellte Haarteile gefunden.
Das Stück »Körperwellen« zu nennen, wäre sachlich schon passend gewesen, aber klanglich wenig überzeugend, ebenso auf Englisch. Mein letztes Stück, das sich mit dem nicht zielgerichteten Gehen, mit dem Passanten als Flaneur auseinandegesetzt hat, hieß ja »l’atelier de flanerie«, da lag das Französische nahe. »Vague« bezeichnet ja nicht nur die Welle, sondern auch das Undeutliche,
Unbestimmbare.

Im Vorabtext ist von Stimulation der Emotionen »via Schall und Licht« die Rede. Etwa mittels Hundepfeifen und Lichtbädern?
Da es mir nicht nur um Bewegung, sondern auch um Wahrnehmung geht, will ich hier Atmosphären schaffen. Man kann zum Beispiel Licht- in Tonfrequenzen übersetzen. Letzthin habe ich übrigens gelesen, der Autoverkehr würde deshalb aggressiver, weil das LED-Licht negative körperliche Auswirkungen haben kann und weil man häufig auf rotes Licht starrt. Mich interessiert auch das Raumverhalten der Nähe als Teil der nonverbalen Kommunikation. Ich tausche mich mit den Leuten im Team regelmäßig via Skype aus. Alexandra Baybutt ist Engländerin, arbeitet aber gerade in Serbien und geht dort häufig auf Demonstrationen – eine prima Vorbereitung für unser Stück.

Der Mensch ist oft Teil einer Menge – etwa als Zuschauer –, steht aber oft auch in Distanz zu anderen. Was ist das Interessante an Massen-Bewegungen?
Bei meinem »Flaneur«-Stück ging es um den Mann in der Menge, aber immer um den Außen-Blick. Hier beschäftigt mich umgekehrt der Blick von innen, die Konfrontation, das Austarieren in der Menge. Und eine Erfahrung zuletzt meiner vielen Reisen in immer neue Länder war: Wie kann ich mich hier verhalten, muss ich mich anpassen? Wie sind die Regeln? Man schaut intensiver auf die anderen. In Athen geriet ich selbst oft in Demonstrationen, teils mit Ausschreitungen, man konnte dem gar nicht ausweichen. Solche Erfahrungen waren Ausgangspunkte für mein Stück. Ich schaffe ein Versuchsfeld und schaue, wie sich die »Wellen« übertragen. Es ist noch zu früh zu sagen, ob sich die Zuschauer in den Sog der Performer ziehen lassen oder die Akteure in den Sog der Zuschauer kommen. ||

STEPHANIE FELBER: VAGUE DE CORPS
Pathos Atelier| Dachauer Str. 112
28./29. Juli| 20.30 Uhr
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