Eine Skihütte als Traum mobiler Lebensraum-Gestaltung: Das »Futuro«-Haus aus dem Jahr 1968 ist in München gelandet.

Das FUTURO-Haus – Standort vor der Pinakothek der | Die Neue Sammlung … The Design Museum | © Jörg Koopmann

Rechter Winkel, adieu! Die konstruktive und rationalistische Moderne wurde Mitte der 1960er Jahre übertrumpft von DesignLösungen, die Rundungen propagierten. Luigi Colani designte seine biodynamischen Formen im Windkanal und erfand 1968 den aus einem Guss geformten »Schlaufenstuhl«: aus Kunststoff, denn das war der heiße aktuelle Werkstoff. Der Finne Eero Aarnio schuf 1963 den kugelförmigen »Globe Chair« und 1968 den in der Luft schwebenden durchsichtigen »Bubble Chair«. 1967 begann die Serienproduktion des berühmtesten freischwingenden Kunststoff-Stuhls, des kurvigen »Panton Chair«, den Pionier Verner Panton schon 1959 designt hatte. Ein Stuhl ist freilich noch kein Haus.

Als der finnische Architekt Matti Suuronen 1965–1967 sein Ellipsoid auf einem Stahlrohrgestell entwickelte, war er nicht der erste und einzige, der Ufo-förmige Gebäude gestaltete. Buckminster Fuller, der Architekt des US-Pavillons in Form einer geodätischen Kuppel auf der EXPO 1967, hatte schon seit den 20er Jahren Kuppeln und sein spaciges »Dymaxion House« entwickelt. Im Raumfahrt-Zeitalter ging es auch darum, neue hippe, energie-ökonomische, massenproduzierbare, futuristisch freie Lebens-Formen für das »Raumschiff Erde« zu entwickeln: avantgardistische Einfamilien-, Fertig- und Ferienhäuser oder mobiles Wohnen. Die »Rondo«-Siedlung von Casoni & Casoni beispielsweise sieht aus wie ein Campingplatz für Außerirdische, man betritt das »Rondo«-Ei über eine elegantspiralige Treppe, wie Fotos von der IKA Kunststoffausstellung 1971 in Lüdenscheid zeigen. Dort wurde auch das »FUTURO« mit seiner schmalen fünfstufigen Klapptreppen-Tür präsentiert.

Intergalaktische Strandbar

Suuronen hatte das »FUTURO« im Auftrag eines Freundes als Berghütte entwickelt, als Après-Ski-Hütte, wie der Arbeitstitel lautete. Der Prototyp steht heute im Museum Boijmans van Beuningen in Rotterdam. Das sechs Meter hohe Gebilde hat einen Durchmesser von acht Metern und bietet 25 Quadratmeter Wohnfläche. Es hat 16 Segmente (und 16 Fenster) aus glasfaserverstärkten Polyesterschalen und lässt sich in zwei Tagen auf- oder abbauen. Das elektrisch beheizbare Gehäuse ist sturm- und erdbebensicher, kann mit seinem Stelzengestell überall standsicher aufgebaut oder mit einem Helikopter abgelassen werden. Geplant war auch eine Nutzung als Unterrichtsraum oder Arztpraxis. Es war der Knaller auf der Finnfocus-Exportmesse im Oktober 1968 in London und wurde von der finnischen Firma Polykem Ltd. in Serie prodziert. Auch als Bankfiliale tat es Dienst.

Das perfekte Design der Raumschiffe spiegele das Wohnen der Zukunft, jetzt beginne das Plastikzeitalter, vermeldete eine finnische Zeitschrift. Das »Holiday Magazine« meinte 1970, die
farbenfrohen Kapseln seien die Antwort der Wohnungswirtschaft auf die Kondensmilch: »condensed living«. Nun, der Living-Bereich sieht im Werbeprosekt aus wie eine elegante Strandbar mit Liegen zum Sich-Räkeln oder Lesen, es gab eine funktionale Küche und in der Mitte einen Kamin mit Abzugshaube. Nun ist ein »FUTURO« auch in München gelandet, nachdem die von Timm Bechthold geleitete Restaurierungsabteilung der Neuen Sammlung mehr als ein Jahrzehnt über das Kunststoffhaus geforscht hatte und 2016 schließlich ein Exemplar erworben werden konnte. Man kann es nun bei einem Museumsbesuch der Pinakothek der Moderne mit besichtigen und auch betreten. Dazu gibt es am 23. Juli eine informative vierteilige Vortragsreihe mit Experten, die zur Pionierzeit der Kunststoffarchitektur, zur Geschichte des »FUTURO« und des Münchner Exponats im Speziellen informieren (Eintritt frei).

Das Leben wird Plastik

Geschätzt 70 Exemplare wurden verkauft, 60 sind noch vorhanden und auf Fanseiten im Netz zu finden. Cora Geißler, die Besitzerin eines »FUTURO« am Spreeufer, berichtet beim Vortragstag über ihr Leben mit dem wundersamen Objekt und ihre Begegnungen mit anderen Häusern und Hausbesitzern weltweit. Es gibt nämlich auch farbige, und sie sind weltweit – von Russland über die USA bis Neuseeland – verstreut. Das Münchner Haus ist ein leider nicht mehr vollmöbliertes Stück. Fotograf Charles Wilp, »Afri Cola«- Werber und selbsternannter Artstronaut, hatte einst eines auf seinem Hausdach in Düsseldorf stehen, das von Andy Warhol besucht und sogar von Christo verpackt worden war. Das ist verloren, aber das Charles-Wilp-Museum in Witten hatte 2012 ein anderes erworben, das nun in München zu bewundern ist. Ein Fotowettbewerb im August und eine Instagram-Aktion mit Entwürfen für ein Haus der Zukunft (#futuroMUC) wollen das Publikum aktivieren.

»Die Hierarchie der Substanzen ist abgeschafft, eine einzige ersetzt sie alle: Die gesamte Welt kann zu Plastik werden, und gar das Leben selbst«, schrieb der Kultursemiotiker Roland Barthes 1957 in »Mythen des Alltags« über diese »magische Materie«. Aber die Ölkrise 1973 verdreifachte den Preis für Kunststoff: Die Produktion wurde unrentabel, schon zuvor war die weltweite Vermarktung mit Herstellungslizenzen nicht gewinnbringend unternommen worden. Stichwort Umweltschutz: Plastik verlor sein utopisches positives Image. »Es ist wirklich pflegeleicht – es muss weder angestrichen noch repariert, sondern hin und wieder lediglich abgewaschen werden«, sagte einst Suuronen über seine Schöpfung. Da interessiert umso mehr, was Besitzer, Historiker und Restauratoren inzwischen alles herausgefunden haben. ||

FUTURO. A FLYING SAUCER IN TOWN
Pinakothek der Moderne, Außenraum| Barer Str. 29 | bis 3. Juni 2018| Do 15–20 Uhr, Sa/So 15–18 Uhr, Eintritt nur mit Museumsticket der PdM, evt. Wartezeiten || 23. Juli, 11–16 Uhr, Ernst von Siemens-Auditorium: »Alles, was Sie schon immer über das FUTURO wissen wollten«. Vortragsreihe mit vier ExpertInnen Juli–September:»FUTURO Mjunik Disco«, Abendführungen mit Musik und Gästen || Website