In Helena Hufnagels krudem Mix aus Selbstfindungsdrama und krachender Comedy »Einmal bitte alles« findet eine junge Frau keinen Weg aus ihrer Quarterlife-Crisis.

Hat das Gefühl, in ihrem Leben nicht voranzukommen: Isi (Luise Heyer) | © filmschaft maas & füllmich GmbH

»Ich habe das Gefühl, mein Leben geht rückwärts.« Das sagt die von Luise Heyer verkörperte Protagonistin in einer Szene dieses Films. Und sie hat recht. Denn was der 27-jährigen Isi alles widerfährt, geht schon nicht mehr auf die sprichwörtliche Kuhhaut. Erst verliert die angehende Illustratorin ihren Praktikumsjob bei einem noblen Münchner Verlagshaus, dann hat die beste Freundin (impulsiver Gegensatz: Jytte-Merle Böhrnsen) plötzlich nur noch Augen für ihren potenten italienischen Lover, und schließlich fliegt Isi auch noch aus der gemeinsamen WG – angeblich nur vorübergehend. Aber auch alles andere, was die junge Frau in ihrer sogenannten Quarterlife-Crisis anpackt, geht schief. Keine Arbeit, keine Kohle, kein fester Wohnsitz, selbst die eigenen Eltern wollen endlich ihre Ruhe haben, nichts mehr von der eigentlich ja erwachsenen Tochter wissen. Klar, dass man in solchen deprimierenden Lebenssituationen dann auch noch im Fenster der Herrentoilette eines Musikschuppens stecken bleibt. Peinlich, peinlich.

Regisseurin Helena Hufnagel, frischgebackene Absolventin der Münchner HFF, hat ihre Hauptdarstellerin am Ende dann wirklich auf dem Boden, und der Zuschauer fragt sich besorgt: Kann ein einzelner Mensch wirklich so viel Pech haben, so viel Leid erfahren? Zugegeben, Überzeichnung ist ein beliebtes Stilmittel im Kino, doch bei »Einmal bitte alles« stimmt das Beiwerk nicht. Unschlüssig zwischen Selbstfindungsdrama und krachender Comedy pendelnd, plätschert der Film ohne sonderliche Höhepunkte vor sich hin. Unterbrochen lediglich durch von Jessica Schwarz mit samtig-rauchzarter Stimme vorgetragene Zitate aus F. Scott Fitzgeralds »Die Schönen und Verdammten«. Diese wirken jedoch eher kontraproduktiv, nehmen sie doch das letzte Tempo aus der ohnehin schon beschaulichen Handlung heraus. Schade auch, dass die Kamera förmlich an den Personen kleben bleibt, was dem Ganzen eher Fernsehformat- denn Leinwandqualitäten verleiht. Schön anzusehen ist jedoch das liebevoll eingefangene Münchner Lokalkolorit, Spaß macht außerdem der Comedian Maximilian Schafroth als Schmuddel-WG-Boss und Möchtegernmusiker, und auch Luise Heyer empfiehlt sich – wie schon in »Die Reste meines Lebens« – für weitere, höhere Aufgaben.

Überhaupt ist es Hufnagel gelungen, einige namhafte Darsteller für ihr Kinodebüt zu gewinnen, darunter auch Boris Aljinovic als herzensguter Fahrradladenbesitzer oder Sunnyi Melles als arrogante Verlegerin Frau Finsterwalder, die ein wenig an Meryl Streeps Charakter der Miranda Priestly aus »Der Teufel trägt Prada« erinnert. Die Momentaufnahme aus dem Dasein einer krisengeschüttelten Endzwanzigerin lebt letztlich von einzelnen, gut beobachteten Situationen. Abendfüllend ist das Ganze jedoch (noch) nicht, aber muss man das von einem ambitionierten Erstling unbedingt erwarten? ||

EINMAL BITTE ALLES
Deutschland 2017 | Regie: Helena Hufnagel
Mit: Luise Heyer, Jytte-Merle Böhrnsen, Maximilian Schafroth
85 Minuten | Kinostart: 20. Juli