Hier der zweite Teil unserer Lesetipps für Ihren gehaltvollen Urlaub. Noch mehr gibt es hier und noch viel mehr im aktuellen Heft!

Der Lärm der Zeit

von Franz Adam
Dmitri Schostakowitsch heißt der Protagonist in Barnes’ jüngstem Roman. Der Name des russischen Komponisten steht exemplarisch wie kaum ein zweiter des 20. Jahrhunderts für den Künstler und seine Rolle in der Despotie, hier: als zufällig überlebendes Opfer und unfreiwilliger Repräsentant der Stalin-Ära. Er wartet in Todesangst mit gepacktem Koffer vor dem Aufzug auf seine Verhaftung (Kapitel eins), sitzt im Flugzeug als Mitglied der sowjetischen Delegation auf dem Rückflug aus den USA (zwei) und im Auto mit Chauffeur als berühmtester Komponist der Sowjetunion, der sich an zentrale Momente seines Lebens erinnert (drei). Ein raffinierter Rahmen umschließt diese drei Episoden. Der Erzähler lässt vor uns das Kopfkino einer gebrochenen Existenz ablaufen, das sich seinem Objekt so schlüssig anverwandelt, wie man es von dem außerordentlich empathischen englischen Autor schier nicht anders gewohnt ist: ein Barnes’sches Kabinettstück vom Besten. Nur eine auffällige Leerstelle bleibt, allen Titelanspielungen zum Trotz: Schostakowitschs Musik mit ihrer Macht, »den Lärm der Zeit zu übertönen«. Wer also die abgründige Welt des »Mimikry- und Vexierspielmeisters« (Kerstin Holm) nicht kennt, schaffe sich vor, zu oder nach der Lektüre wenigstens die fünfte, achte, zehnte Symphonie und die Oper »Lady Macbeth von Mzensk« an! ||

JULIAN BARNES: DER LÄRM DER ZEIT
Aus dem Englischen von Gertraude Krueger | Kiepenheuer &
Witsch, 2017 | 244 Seiten | 20 Euro

Eine kurze Chronik des allmählichen Verschwindens

von Christiane Pfau
In diesem Haus geht nichts mit rechten Dingen zu. Es wird nicht bewohnt, sondern das Haus bewohnt umgekehrt die Menschen, die sich auf den verschiedenen Etagen der Hausnummer 29 eingerichtet haben: Rita, die vieles sieht, was die anderen nicht ahnen. Don, der zu einem Baum auf dem Balkon geworden ist und wächst und wächst, liebevoll gepflegt von seiner Ehefrau Lina. Da ist das Kind Maia, das am liebsten Löcher im Hof gräbt, bis es irgendwann nicht mehr nach Hause kommt. Es gibt die Familie Will, der niemals jemand begegnet, und Tom, der im Aufzug wohnt. Hinter einer rostfarbenen Tür verbirgt sich ein sehr langer Flur. Oder auch nicht? Juliana Kálnay beschreibt mit verwirrend schemenhafter Präzision dieses Haus, das eher einem sich ständig verändernden Organismus gleicht. Ein lebendiges Wesen, das Räume ausstülpt oder einzieht, das Menschen verschluckt oder verwandelt. Rita ist die einzige Person in Nr. 29, die spürt, was das Haus ihr mitteilt: »Nicht viele tragen das Haus, in dem sie leben, wie eine Schnecke mit sich herum. […] Ich spüre, wie sich die Räume zusammenziehen mit der Kälte und wie die Wände bei großer Hitze anschwellen wie meine Beine. Ich spüre, wie das Haus atmet.« Kálnays Erstlingsroman erinnert an Bilder aus Edgar Allen Poes Erzählungen, an Kafkas Labyrinthe und an Jean Rays Roman »Malpertuis«. Man folgt den Figuren mit leichtem Schaudern, das sich zu echtem Grusel steigern kann, obwohl und gerade weil ja eigentlich nichts Spektakuläres passiert. Aber man ahnt, dass es mehr Durchgänge gibt als die eindeutigen Fenster und Türen, dass Ebenen zwischen den Etagen verborgen sind und Stabilitäten sich als purer Schein entpuppen. ||

JULIANA KÁLNAY: EINE KURZE CHRONIK DES ALLMÄHLICHEN VERSCHWINDENS
Verlag Klaus Wagenbach, 2017 | 192 Seiten | 20 Euro

Ein Festtag

von Günter Keil
Sie flimmert, strahlt, funkelt. Graham Swifts kurze Geschichte bezaubert. Das liegt vor allem an der Prosa des britischen Schriftstellers – klare Sätze, die den wichtigsten Tag im Leben einer jungen Frau beschreiben. Es ist der 30. März 1924, ein Muttertag. Die Sonne scheint, und Jane Fairchild fährt mit dem Fahrrad zu ihrem Geliebten. Paul Sherringham, Spross aus begütertem Hause, empfängt sie erfreut, und kurz darauf vergnügen sich die beiden in seinem Schlafzimmer. Das Unerhörte daran: Jane ist ein Dienstmädchen, und Paul wird bald heiraten – eine andere. Doch diese Umstände spielen wenige Stunden später keine Rolle mehr. Paul verunglückt tödlich mit seinem Auto. Jane bleibt erstaunlich gelassen. Blickt auf ihre Affäre und fühlt sich wie eine ferne Beobachterin des Lebens. Eine Rolle, die sie als Dienstmädchen gelernt hat: »Man stand draußen und blickte hinein. Die Dienenden dienten, und die Bedienten, sie lebten.« Aus dieser Beobachtungsgabe macht Jane einen Beruf und wird eine erfolgreiche Schriftstellerin, die im Alter von 90 Jahren auf den schicksalhaften Tag zurückblickt. Eine elegante, feinsinnige Novelle. ||

GRAHAM SWIFT: EIN FESTTAG
Aus dem Englischen von Susanne Höbel | dtv, 2017 | 144 Seiten
18 Euro