Bibiana Beglau lässt die Poesie der Bilder in Allen Ginsbergs Langgedicht »Howl« aufleuchten.

Schlägt Schneisen ins Herz des Textes: Bibiana Beglau | ©Konrad Fersterer

»Habt ihr alle was zu trinken?«, fragt Bibiana Beglau zur Begrüßung und versucht, ein klein wenig Baratmosphäre zu beschwören, was im Marstall allerdings unmöglich ist. »Rauchen dürft ihr nicht – aber ich!«, erklärt sie und zündet sich die erste von vielen Zigaretten an, während sie die berühmte Eingangspassage aus Allen Ginsbergs Poem anstimmt, die Generationen auswendig aufsagen konnten. Mitn»Howl« schuf dieser 1955 die Hymne der Beatniks und der späteren Counter Culture, ein düsteres und obszönes Klagelied voller Verzweiflung und Zärtlichkeit, eine zornige Anklage gegen die repressive amerikanische Gesellschaft, den »Moloch, in dessen Adern Geld fließt«, und ein rauschhaftes Gebet für seinen Freund Carl Solomon und all jene, die auf der Suche nach Erkenntnis und einem anderen Leben in Drogen und Wahnsinn strandeten. »Hold back the edges of your gowns,Ladies, we are going through hell«, schrieb William Carlos Williams einst in der Einleitung.

Begleitet von einer Soundcollage aus Großstadtlärm und Jazzmusik von Flo Kreier und Cico Beck trägt Beglau an einem mit der US-Flagge behängten Schreibtisch Ginsbergs Gedicht vor (Dramaturgie: Angela Obst). Sie schärft ihre Stimme, macht sie schneidend kantig, dann plötzlich berührend klein und traurig. Sie spuckt die Worte aus, schreit, raunt reibeisenrau und wispert zart, bringt die Engel der Gosse zum Tanzen und führt uns mit nüchterner Lakonie durch die Orgien der Selbstzerstörung. Nie jedoch rückt sie ihre eigene Virtuosität selbstverliebt in den Vordergrund und verdeckt und übertönt damit den Text. Vielmehr erschließt sie uns Zeile für Zeile. Sie lässt die Poesie der Bilder aufleuchten, taucht hinab in die dunklen Wirbel von Ginsbergs Wortstrom, hebt mit punktgenauer Nuancierung Wendungen daraus hervor und unterstreicht unaufdringlich dessen Ironie. Auch wenn sein Gedicht ein Liebesbekenntnis ist, betreibt er darin keine blinde Romantisierung seiner Generation, in der sich ein »Haufen von Schwaflern« tummelte, die von sich selbst trunken »Genitalien und Manuskripte schwenkten«, »superkommunistische Pamphlete« verfassten und »vom reinen vegetarischen Königreich träumten«.

Gegen Ende steigt Beglau auf den Schreibtisch, posiert tänzelnd darauf und spielt an einem knatternden Kassettenrekorder herumfummelnd die Canned-Heat-Version von »On The Road Again« an. Erst spät dreht sie eine kleine theatralische Pirouette, die gar nicht nötig gewesen wäre. Viel mitreißender ist es, wenn sie nur die Worte von Ginsbergs Gedicht zum Klingen bringt, das in eine lange »Fußnote« mündet, ein ekstatisches »Heilig! Heilig! Heilig!« auf das Leben und die Welt mit ihrem Schmutz und ihrer Schönheit.Die Fülle an Metaphern und Verweisen auf Rimbaud, Genet, Cassady, Kerouac und Burroughs, das jüdische Kaddisch und die Bibel, lässt sich natürlich nicht an einem Abend erfassen. Doch wie es Bibiana Beglau schafft, Schneisen in das Herz des Textes zu bahnen, Passagen glasklar und durchscheinend zu machen, ist einfach großartig. ||

HOWL. EINE AMERIKANISCHE TRAUMMASCHINE.
Marstall| 19., 27. Juli| 20 Uhr | Tickets: 089 21851940