Plakative Glitzer-Revue: Jessica Glause inszenierte »Paradies fluten« von Thomas Köck im Volkstheater.

Papi (Jonathan Müller) hängt dement zwischen Mutti (Carolin Hartmann, r.) und Tochter (Mara Widmann, l.) in den Seilen| © Andrea Huber

Es geht um Gummi. Um die Kautschuk-Gewinnung in Brasilien, die im 19. Jahrhundert die Indios ihres Landes beraubte. Und um eine deutsche Mittelstandsfamilie heute. War Brasilien vor dem Einfall der europäischen Ausbeuter ein Paradies? Kann man ein Paradies fluten? Und womit? Der Österreicher Thomas Köck (30), preisgekrönter Dramatiker-Nachwuchs, flutet den Zuschauer mit Material und Text. »Paradies fluten« wurde vor einem Jahr uraufgeführt, Regisseurin Jessica Glause hat im Volkstheater eine bunte Glitzer-Revue daraus gemacht.

Autor Köck untertitelt seine Mischung aus Umwelt-Aufklärungsessay und Prekariats-Familien-Soap als »Verirrte Sinfonie«, zudem wünscht er sich viel Tanz. Letzteres erfüllt ihm Glause mit zirzensischem Gewirbel während der Szenenwechsel: Da wird gehopst, Rad geschlagen, die Herren schwenken die Damen, alles sehr farbig und lebhaft. Aber in den Szenen dröhnen einen die statisch aufgesagten, redundanten Texte über die Kolonialhistorie zu. Zunächst beschwören zwei bizarre Moderatoren das Ende des Planeten. In einigen Milliarden Jahren – tröstlich. Oleg Thikomirov gibt eine Art Pierrot auf Highheels, Staycian Jackson wirft sich als brasilianischer Schmetterling entzückend in Samba-Posen. Dann landet der deutsche Architekt Felix Nachtigal (Jakob Gessner) am Amazonas. Der will (frei nach Werner Herzogs »Fitzcarraldo«-Film mit Kinski) in Manaus ein Opernhaus bauen. Mit ihm fallen kautschuk-saugende Heuschrecken-Investoren ein und wollen die Indios vertreiben (umsiedeln, sagen sie, Heimat sei ja ein räumlich dehnbarer Begriff). Die Kautschuk-Barone sehen in den aberwitzigen Verkleidungen von Aleksandra Pavlovic mit Vollbärten alle aus wie IS-Terroristen. Weshalb der edle Nachtigal doch lieber für die Indigenen kämpft und dann einsam-verrückt und blätterbekränzt auf seiner Opernhaus-Vision, einem Schaukasten, thront (Bühne: Mai Gogishvili).

Dazwischengeschnitten ist eine deutsche Familiengeschichte, die packender ist: Papa (Jonathan Müller) fackelt in seiner Autowerkstatt Reifen ab. Der Laden läuft nicht, die strenge Mama (Carolin Hartmann) ist frustriert, die Tochter schlägt sich als Tänzerin durch (Mara Widmann legt einen furiosen Monolog hin), die Großmutter (Luise Kinner) will schlichten. Vergeblich, alles dem Untergang geweiht, wie der Regenwald. Da kann das Trio Joe Masi, Tom Wu und Manuela Rzytki noch so schöne Musik machen. Köck schreibt Textflächen wie seine Vorbilder Jelinek und Pollesch, darin gibt’s auch viele kluge Sätze. Die Botschaft ist simpel: Der böse Kapitalismus und seine bösen Auswirkungen. Gegen so viel öde Kopflastigkeit setzt Jessica Glause visuelle Ablenkung. Die Akteure verstricken sich artistisch in zahllosen Schaumstoff-Rollen und Gummi-Seilen (nur einmal sinnvoll, als der demente Vater darin zappelt). Ständig herrscht bemühte, tänzelnde Animation in Kostümen wie beim Karneval in Rio. Alles glitzert und schillert plakativ und oberflächlich. Aber man erfährt viel über die Kautschuk-Gewinnung am Amazonas. ||

PARADIES FLUTEN
Volkstheater| 13., 19. Juli| 19.30 Uhr | Tickets: 089 5234655