Der »Afro Iran« will auf dem Cinema Iran Festival entdeckt werden.

Aufnahme aus Mahdi Ehsaeis Fotoausstellung »Afro Iran«, zu sehen im Gasteig | © Cinema Iran

Große, herrenlose Rohre am Strand nebeneinander aufgereiht; gerade groß genug, um als Koje für ein bis zwei Menschen zu dienen. Ihre Bewohner haben sie mit Teppichen ausgelegt. Fotos verzieren die kurvigen Wände, und improvisierte Blumengardinen schützen vor neugierigen Blicken. Direkt neben einer Erdölraffinerie im Süden des Iran leben die drei hart arbeitenden Hauptfiguren in Vahid Vakilifars Film »Gesher«. Von der documenta 14 gingen eben erst die Fotos einer ähnlichen Installation um die Welt: aufeinandergestapelte Betonröhren, bestückt wie winzige Wohneinheiten. Der Künstler Hiwa K stammt aus dem kurdischen Irak und weiß, dass vergleichbare Bedingungen für viele Lebensrealität sind.

In »Gesher«, dem Eröffnungsfilm des vierten Cinema-Iran-Festivals in München, haben die Männer kaum eine Wahl. Die Familien in der Ferne sind auf Unterstützung angewiesen, und so werden Kuscheltiere mit Bargeld ausgestopft und heimwärts versandt. Qobad arbeitet als Bauarbeiter, Jahan als Chauffeur, und Nezam hat die unerfreuliche Aufgabe, verstopfte Toiletten auszupumpen. Danach hilft nur ein Sprung ins Meer. In der Region am Persischen Golf wird deutlich, wie multiethnisch der Iran ist. Neben arabischer und pakistanischer Abstammung ist im Süden auch ein Teil der Bevölkerung schwarz. Ihre Vorfahren kamen als Sklaven oder Seeleute in die Region – eine Tatsache, die hierzulande kaum einer weiß.

Begegnung mit dem »Afro Iran«

Ein Grund mehr für Festivalleiterin Silvia Bauer, den »Afro Iran« zum roten Faden ihres diesjährigen Filmfests zu machen. Denn gerade jetzt, wenn die Region mit Katar und Saudi Arabien im politischen Fokus steht, lohnt es sich über die Verwobenheit nachzudenken. Dem deutsch-iranische Fotografen Mahdi Ehsaei sind überraschende Bilder aus der afroiranischen Community gelungen: Die schwarzen Jungs in Messi-Trikots erinnern eher an Brasilien oder Kuba als an den Iran, die Frauengesichter, umwickelt von bunten Blumenstoffen, an Pakistan oder Nigeria. Ab dem 12. Juli ist Ehsaeis Strecke »Afro Iran« auch im Rahmen des Cinema-Iran-Festivals in der Bibliothek im Gasteig zu sehen.

Weitere Geschichten von der iranischen Südküste stammen von der Insel Hormuz, wo Mousa die Stoffe Verstorbener aus dem Meer fischt und zu Kunstwerken verarbeitet. Zur Reinwaschung der Sünden werden die Kleider der Toten dort der Seegöttin übergeben. Das Künstler- und Performanceduo Mina Bozorgmehr und Hadi Kamali Moghadam hat mit »Mousa« eine Dokufiktion entwickelt. Ihr unkonventioneller Ansatz, Fantasie und Wirklichkeit zu verschränken, bekommt Konkurrenz durch »I Am Not a Woman«. Ein Film, der mit seinem außerordentlichen Protagonisten besticht: einem 70-jährigen Mann, der als Frau geboren wurde. Mezel lebt in einem arabischen Ort im Südwesten des Iran. Er war Fischer, Entenjäger, Weber von Strohmatten. Seit seiner Kindheit trägt er auf eigenen Wunsch männliche Kleidung und nimmt an der Arbeit ebenso wie am Gebet der Männer teil. Ein Familienleben musste ausbleiben, aber seine Lebensentscheidung wird im Ort akzeptiert.

Ganz anders ergeht es Arash Saafi, dem Heimkehrer im Drama »A Respectable Family«. 22 Jahre lang lebte er in Europa, nun kommt er zurück und begegnet einer Heimat, die er kaum wiedererkennt. Eigentlich will er nur seine Mutter besuchen, ein Semester unterrichten, dann wieder gehen. Doch von allen Seiten legt man ihm Steine in den Weg. Rosie Ming entdeckt den Iran, für sie ist es das erste Mal. Die kanadisch-chinesisch-persische Poetin ist Hauptfigur in Ann Marie Flemings bezauberndem Animationsfilm »Window Horses«, der zum Poesiefestival nach Shiraz einlädt. Dort beginnt ein chinesischer Dichterkollege zu rezitieren und die Sprachbarriere wird bedeutungslos – auch für Rosie. Die unausweichliche Schwingung seiner Stimme klingt im Körper des Publikums, transportiert die Botschaft in weit gezeichneten Bögen bis in die Knochen der Zuschauer. Einfache Linien, verknotet zu Charaktergesichtern und sogar Empfindungen. Das kann Animation. Am Ende hat Rosie nicht nur mehr über den Iran und die Dichtkunst, sondern auch über sich selbst erfahren. Dem Publikum wird es beim Besuch des CinemaIran-Festivals ähnlich gehen. ||

CINEMA IRAN IRANISCHES FILMFESTIVAL MÜNCHEN
Gasteig, Carl-Amery-Saal | 12. bis 16. Juli
Vollständiges Programm