Welche Bücher sollen mit in den Urlaub? Unsere Redakteure und Autoren greifen Ihnen bei dieser Entscheidung ein wenig unter die Arme. Weitere Tipps gibt es im Heft!

Das schwarze Pferd

von Petra Hallmayer
»Unser Glaube freilich, der ist anders«, erklärt George, »unseren Taten ist das nicht anzusehen.« Alle werden sie zu Mördern, die Weißen, die Roten, die Grünen. Sie töten für eine Uhr, um zu stehlen, aus Hass, aus Rache, aus Idealismus, »im Namen der Freiheit, der Gleichheit, der Brüderlichkeit«. Sie kämpfen für eine bessere Zukunft, für das Volk, für Russland. »Aber für welches Russland. Denn die einen wie die anderen sind doch wir«, meint Boris Sawinkow im Vorwort zu seinem Roman von 1923, der nun endlich auf Deutsch vorliegt. Schmerzlich kühl und klarsichtig beschreibt der Terrorist und Schriftsteller darin den Irrsinn des Bürgerkriegs. Sein Ich-Erzähler George, ein Oberst der Weißen Armee, verabscheut das satte bürgerliche Leben, ist süchtig nach »Raserei, Revolte und Rausch«. Inmitten des »selbstmörderischen Gemetzels« aber leuchtet die Schönheit der Natur, träumt er von seiner großen Liebe Olga. Grausam lakonisch schildert Sawinkow die Alltäglichkeit des Schreckens, die Enthemmung und Brutalisierung, die auch all die Bürgerkriege heute kennzeichnet, und zeigt, wie menschlich Unmenschlichkeit ist.||

BORIS SAWINKOW: DAS SCHWARZE PFERD
Aus dem Russischen von Alexander Nitzberg | Galiani, 2017
267 Seiten | 23 Euro

Stirb nicht im Warteraum der Zukunft

von Christiane Wechselberger
»Wir sind das Volk«, der Slogan der Montagsdemos in der DDR, stammt aus dem Song »Prügelknaben« der Punkband Schleimkeim und ist einer der Bausteine, anhand derer Tim Mohr nachweist, dass Ostpunks ganz erheblich zum Sturz der DDR-Diktatur beigetragen haben. Anfang der 90er stellte der Amerikaner Mohr in Berlin fest, dass die Clubszene zum Teil von Ostpunks und ihrer Do-it-yourself-Mentalität geprägt wurde, die sie sich in gut zehn Jahren Verfolgung in der DDR zugelegt hatten. Punks stellten aufgrund ihrer Ablehnung der Bevormundung durch den Staat eine Gefahr für die DDR dar. Mitbürger drangsalierten und misshandelten die Punks, Polizei und Stasi verfolgten sie, weil sie das Bild störten, zunehmend aber auch, weil sie sich nicht einmal durch Gewalt und Knast einschüchtern ließen und es schafften, sich in besetzten Häusern und auf einem grauen Markt ein vom Staatskorsett unabhängiges, radikal demokratisches Leben aufzubauen. Mohr protokolliert die Lebenswege der Punks, ihre musikalischen Schlüsselerlebnisse und ihre politische Rolle und verschränkt das Persönliche geschickt mit der Zeitgeschichte zu einem lesenswerten Band mit Erzählungen aus dem alten Osten. ||

TIM MOHR: STIRB NICHT IM WARTERAUM DER ZUKUNFT
Aus dem Amerikanischen von Harriet Fricke und Frank Dabrock
Heyne Hardcore, 2017 | 560 Seiten | 19,99 Euro

Der große rote Sohn

von Matthias Pfeiffer
Mit der Pornoindustrie hängen einige Vorurteile zusammen. Nach der Lektüre von »Der große rote Sohn« weiß man: Sie stimmen alle. Jedenfalls noch 1998, als die Branche Jahresumsätze in Milliardenhöhe einkassierte. Damals besuchte der große David Foster Wallace für »Premiere« die AVN Awards. Die Bezeichnung Porno-Oscars kommt dem recht nahe – wohlgemerkt mit 104 Kategorien. Was Wallace hier auf knapp hundert Seiten zusammengetragen hat, ist nichts anderes als der reine Wahnsinn. Er stürzt den Leser in eine abstruse Parallelwelt. Eine Welt mit Gruppensexweltrekorden, aufpumpbaren Brustimplantaten und »Künstler«-Namen wie Dick Filth oder Max Hardcore. Abstoßend, aber auf unheimliche Weise auch faszinierend. Dabei zeigt er nicht nur mit trockenem Humor und unvergleichlicher Beobachtungsgabe die »andere Seite« des Entertainments. Er zieht die Parallelen zu den etablierten Zeremonien der Unterhaltungsindustrie. Auch hier Selbstbeweihräucherung, als Kunst getarnte Produkte und ganz viel schöner Schein – nur etwas glamouröser umgesetzt. ||

DAVID FOSTER WALLACE: DER GROSSE ROTE SOHN
Aus dem Englischen von Ulrich Blumenbach | KiWi-Taschenbuch,
2017 | 112 Seiten | 7,99 Euro