Karin Fellner | © Martin Richartz

Ihre Gedichte sind nicht leicht zugänglich. Sie leisten Widerstand. Wer Karin Fellners jüngsten
Gedichtzyklus »Ohne Kosmonautenanzug« liest, muss sich von dem Anspruch, alles verstehen zu können, verabschieden.Eines der zentralen Themen der 1970 in München geborenen Lyrikerin ist die Sehnsucht auszubrechen aus einer rationalisierten, von Nützlichkeitsdenken beherrschten Welt, sich zu befreien von dem Korsett aus Konventionen und Denkschablonen, aus der »gummizelle namens bewusstsein«, wie es in einem Gedicht in dem Band »hangab zur kehle« heißt. »sprenge dich ins freie« lautet dessen letzte Zeile, ein Aufruf, der im Rückgriff auf Hölderlin in »Ohne Kosmonautenanzug« wiederkehrt.

Mehrmals hat Karin Fellner, die zunächst Psychologie und Literaturwissenschaft studierte und auch als Übersetzerin und Lektorin arbeitet, versucht, ganz real auszusteigen, sich von gesellschaftlichen Zwängen und materiellen Bindungen unabhängig zu machen. Sie verschenkte ihren Besitz, lebte eine Zeitlang auf der Straße und zog schließlich nach Portugal. Inzwischen sucht sie den »utopischen Ort« nur mehr im Schreiben. Die harten Erfahrungen in den Schattenbereichen der Wohlstandsgesellschaft sind in ihren Debütband »avantgarde des schocks« eingeflossen sowie in den Zyklus »Futter«, für den sie 2005 den Förderpreis beim Leonce-und-Lena-Wettbewerb in Darmstadt erhielt. Es folgten weitere Auszeichnungen wie der Bayerische Kunstförderpreis in der Sparte Literatur (2008) und der Medienpreis beim Lyrikwettbewerb in Meran (2012). Zumal in ihren frühen Gedichten finden sich oftmals sozialkritische Töne. Ohne politische Ausrufezeichen schildert sie darin das Leben von Arbeitslosen, Stadtstreunern und Hungerleidern. Beharrlich erkundet Fellner, in deren Sprache sich nüchterne Beobachtungen und poetische Verschlüsselungen paaren, die Schutthalden der modernen Zivilisation. Daneben aber leuchtet bei ihr das berauschende Glück eines Sommertages (»nur ein kleines halskratzen sagt / du bist sterblich doch sonst / jubiliert das blau«), die Schönheit eines Mauerlattichs oder einer fingrigen teegrünen Spinne auf.

Immer wieder eignet sie sich die Perspektive von sozial Randständigen und Unzugehörigen an, durch deren Blick sie die Alltagswirklichkeit ins Unvertraute entrückt. Vier Figuren gliedern ihren bislang vierten Gedichtband: Da ist die Poetin, die eines Nachts der Wind umwendet »ins helle ferne Erinnern, / wie es ginge auch ohne / Kosmonautenanzug / in der Leere zu sein«. Da sind Skarda, hinter der Hölderlins Scardanelli hervorlugt, die Närrin, die im Stadtpark »Karmatiere« füttert, und Anako Retin, in der unschwer die Anachoretin zu erkennen ist. Sie schickt ihr weibliches Quartett auf Streifzüge durch urbane Landschaften, in denen zwischen Bauschrott, Betonmaschinen und Plastikgestrüpp allerorten die zurückgedrängte Natur sprießt und blüht, verfremdete Romantizismen aufscheinen und im U-Bahn-Lärm Sinfonien erklingen. Eingewoben in die Monologe, deren melancholische Grundierung von beschwingten Ironisierungen durchbrochen wird, sind Lautspielereien, Dialektwendungen, Zitate aus der Literatur und einem japanischen Anime-Filmklassiker, Wortentlehnungen aus dem Irischen, Alt- und Mittelhochdeutschen und der »Star Treck«-Sprache Klingonisch.

Doch auch wenn ihren Gedichten mitunter etwas Hermetisches anhaftet, sie selbst ist eine leidenschaftliche Vermittlerin, die wie nur wenige in München Lyrik lebendig und präsent hält. Sie ist Mitglied der Gruppe »Reimfrei«, moderiert Lesungen, leitet Projekte und Schreibseminare des Lyrik Kabinetts. Unter dem Motto »Lust auf Lyrik« geht sie seit acht Jahren in Schulen, um Heranwachsenden die Scheu vor Gedichten zu nehmen, indem sie sie etwa animiert, anhand des Hohelieds Salomons eigene Metaphern zu kreieren oder Verse von Goethe mit zeitgenössischer Lyrik zu collagieren. Gemeinsam mit Suzan Kozak hat sie Klassen türkische und deutsche Gedichte in die jeweils andere Sprache übersetzen lassen. Poesie, glaubt Karin Fellner, biete jedem die Chance, auf neue Weise das Staunen zu lernen, sich aus der »Einbahnung des Denkens« zu lösen. Jenseits davon öffnen sich für sie jene entgrenzten Freiräume, nach denen sie unbeirrbar sucht gemäß einem Satz von Rolf Dieter Brinkmann: »Wer hat gesagt, daß sowas Leben / ist? Ich gehe in ein / anderes Blau.« Dass ihr dorthin nie wirklich viele folgen werden, nimmt Karin Fellner gelassen hin. Erfolg im Minderheitengenre Lyrik ist relativ. »Wenn es mir ab und zu gelingt, zwei oder drei Leser zum Blinzeln zu bringen«, erklärte sie in einem Interview, »dann ist das schon viel und genug.«

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