Die Fehlfarben kommen in die Kammerspiele und spielen mit Geschichte.

Fehlfarben | © Roland Bertram

Peter Hein brüllte mehr, als er sang. Seine Botschaften waren unmissverständlich und brachten den Zeitgeist auf den Punkt: »Die zweite Hälfte des Himmels könnt ihr haben! Das Hier und das Jetzt, das behalte ich!« Das war irgendwie Punk, wenn auch nicht ganz so ohne Zukunft wie bei den britischen Kollegen. Die Fehlfarben wurden jedenfalls mit dem Album »Monarchie und Alltag« zum Sprachrohr einer bundesdeutschen Jugend, die sich von Nina Hagens Wahnsinn und Ideals Einfalt nicht abgeholt fühlte: »Und wenn die Wirklichkeit dich überholt, hast du keine Freunde, nicht mal Alkohol. Du stehst in der Fremde,deine Welt stürzt ein, das ist das Ende, du bleibst allein«, lautete das Motto der tagtäglichen Apokalypse, emphatisch skandiert von Hein und unabhängig herb von der Band in Musik verpackt.

Seitdem sind 37 Jahre vergangen. Die Fehlfarben sind ältere Semester, haben eben ihr LP-Meisterstück neu – und übrigenshervorragend präsent – remastert und sind nun ein Fall für die Kammerspiele. Aus dem Aufstand wurde Kunst. Wie so oft verwandelte sich die Avantgarde in Establishment, dessen Biss vor allem in der Pointiertheit der Erinnerung besteht. Peter Hein kann noch immer schreien, aber der jugendliche Frust ist dem Zwinkern des Überlebenden gewichen, der zwischenzeitlich knietief im Dispo die eigene künstlerische Abhängigkeit von den Moden der Musikgeschmäcker thematisierte. Er könnte mit den Schultern zucken, aber das ist wederseine Art, noch entspricht es der Bedeutung der Fehlfarben für den deutschen Pop. Sicher, eine Vorband wie Candelilla hat auf den ersten Blick nicht viel mit den ergrauten Recken des Ruhrpott-Punk zu tun. Aber auf der anderen Seite geht es nicht umden direkten Bezug, sondern eher um die Basisarbeit.

»Monarchie und Alltag« hat 1980 die Flur der akustisch poppigen Gleichgültigkeit bereinigt. Diese Musik war Manifest, verlieh der Generation Ratinger Hof eine Stimme und wurde zum Erbe einer Haltung, die mit Bands wie Ton Steine Scherben begann und dem Standardgemenge von Schlager, Krautrock und Disco die lange Nase zeigte. ||

FEHLFARBEN / CANDELILLA
Kammerspiele – Kammer 1| 30. Juni, 20.00 Uhr

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