Schnelligkeit können wir trainieren, bis wir an unsere Grenzen kommen. Aber wozu? Und können wir noch mit Langsamkeit umgehen, fragt die Tänzerin und Choreografi n Ceren Oran. Ein Gespräch zu Beginn der Probenzeit für »Rush Hour«.

Ceren Oran | © Martin Baier

In einem Studio der Tanztendenz steht ein Laufband. Ohne Haltegriffe. Eine Sonderanfertigung für die Münchner Tänzerin, Choreografin und Soundpainterin Ceren Oran. Dafür hat sie die Sicherheitseinstellungen deprogrammieren lassen, das Finetuning geändert, was schnelle Beschleunigung, aber auch extreme Langsamkeit ermöglicht. Nach einer Research-Phase treffen sich hier alle, um das Stück zu erarbeiten. Drei Performer lässt Oran auf drei Laufbändern tanzen: Mit dem türkischen Schauspieler und Performer Çağlar Yiğitoğullari hat Ceren Oran schon 2016 in »I need a man to perform this duet« zusammengearbeitet. Die israelische, in München lebende Tänzerin Daphna Horenczyk kennt sie vom Studium bei SEAD in Salzburg. Jaroslav Ondrušarbeitet in Prag, wo er 2016 als tschechischer Tänzer des Jahres ausgezeichnet wurde. Die Sounddramaturgie erarbeitetder Komponist, Produzent und internationalgefragte DJ Hüseyin Evirgen, der auch am Salzburger Toihaus Theater Tanz- und Performanceproduktionen geleitet hat. Live mit aufder Bühne stehen wird der Saxofonist Simon Couratier, den Oran vom Soundpainting kennt und als sehr versiert und reaktionsschnell im Umgang mit Realtime-Anforderungen erlebt hat. Er stößt erst später dazu, wenn schon erste Strukturen entwickelt wurden. Über das atemberaubende Tempo der Zeit klagte man schon Anfang des 20. Jahrhunderts.

Wie extrem empfinden Sie die Beschleunigung heute?
Die immer weiter wachsende Menge an Erfahrungen, Anforderungen, Zielen und Informationen verursacht eine ständige Überforderung. Ich jedenfalls fühle mich stärker gestresst, weil ich mehr und mehr in kürzerer Zeit erledigen muss. Mit dieser persönlichen Erfahrung aus den letzten Jahren wollte ich mich in einem Stück auseinandersetzen. Angeregt auch von dem Buch des Historikers Yuval Noah Harari, der in »Sapiens« die Menschheitsgeschichte als eine der zunehmenden Geschwindigkeit, Leistungssteigerung und daraus resultierenden Überforderung beschreibt.

Wie vermitteln Sie Ihre Anliegen und können die Performer ihre Erfahrungen mit dem Thema einbringen?
Für mich ist es eine Herausforderung, denn ich tanze zum ersten Mal nicht mit, kann meine persönlichen Gefühle und Absichten nicht selbst zum Ausdruck bringen und körperlich auf das Publikum übertragen. Wir diskutieren also, und Probleme mit dem Zeitdruck – so hat sich herausgestellt – teilen wir auf vielerlei Weise. Ich arbeite mit Tasks, die ich konzipiert habe, kommuniziere meine Ideen, und daran können die Performer eigene Erfahrungen anschließen.

Warum ein Laufband?
Das Laufband ist eine Metapher für die Zeit,für ein System, das uns ständig herausfordert. Es tänzerisch und choreografisch zu nutzen ist eine bedeutsame Erfahrung für uns alle. Ich lote bei der Probenarbeit die persönlichen Beziehungen zu dieser »Maschine« aus. Vieles hat sich schon nach wenigen Tagen stark entwickelt. Dass wir unsere Kapazitäten rascher erweitern und intensiver auszuschöpfen versuchen, hat übrigens auch mit dem »Rush« zu tun. Und dass wir dabei an und über Grenzen gehen. So etwas passiert auch bei den Proben. Heute zum Beispiel musste Çağlar mit dem sehr langsam eingestellten Tempo des Laufbands zurechtkommen und wollte es mit derEnergie seiner Schritte beschleunigen.

Und wie finden Sie Formen? Wie bauen Sie die Struktur des Abends?
Vor dieser Frage stehen wir gerade. Wir merken mehr und mehr, wie auf den Laufbändern Bewegungsmaterial nicht funktioniert. Formen werden abgelenkt, verlieren an Qualität und man benötigt eine ganz andere Koordination als gewöhnlich. Ein Dilemma, das hoffentlich interessante neue Formen provoziert und neue Qualitäten bei den unterschiedlichen Körpern der Performer hervorbringt. Wir arbeiten daran (lacht). Es gilt auch Schwierigkeitenbeim Beschleunigen und bei hoher Geschwindigkeit zu meistern. Dabei entstehen Metaphern und Bilder, Emotionen und Assoziationen, die wir vermitteln. Es wird jedenfalls keine Fitness-Choreografie!

Warum einen einstündigen Abendfüller?
Auch ein langgezogenes oder ganz kurzes Stück könnten das Zeitgefühl verdichten oder verändern. Der Titel »Rush Hour« bringt auf den Punkt, dass wir die Zeit in Stunden messen, uns beeilen, um irgendwo anzukommen – und dabei feststecken. Ein Stunde ist auch ein vertrauter Zeitrahmen, um – wie die Performer – eine Aufgabe auszuführen. Wir diskutieren gerade, ob innerhalb dieser gegebenen Spanne Zeitpunkte, Einsätze signalisiert werden oder nicht. Jedenfalls müssen sich die Performer ständig dessen bewusst sein, was sie tun undwie lange und wie schnell oder langsam. Das kann eben zugleich Stress bedeuten. Auch die Musik liefert unterschiedliche Zeitspuren, die sich überkreuzen. Hüseyins elektronischer Sound aus den Lautsprechern bildet die Basis und steht für das Hamsterrad. Das Live-Saxofon pointiert die persönlichen Emotionen. Ich habe hier nicht zur menschlichen Stimme und Artikulation gegriffen, sondern finde es reizvoll, die Möglichkeiten des Saxofons zu nutzen, sein Schreien, seineZärtlichkeit, sein Atmen. Es klänge auch kraftvoll, wenn es von außen zugespielt würde – aber live! Bei Soundpainting-Experimenten habe ich erlebt, wie intensiv das Saxofonspiel auch als Bewegungsform sein kann. ||

RUSH HOUR
Schwere Reiter| Dachauer Str. 114
22.–25. Juni | 20 Uhr | Tickets: 089 7211015
oder reservierung@schwerereiter.de undAbendkasse