Während das 35. Münchner Filmfest die Marschrichtung »Youth on the Move« ausgegeben hat, scheint der deutsche Film sein Glück eher jenseits des politischen Themenfilms zu suchen. Ein Vorbericht.

Naomi Achternbusch (vorne) und Clara Schramm in »Blind & hässlich«

»Baby, Sex muss bezahlbar bleiben.« Solche Sätze lässt man heute eigentlich zu Recht keinem mehr durchgehen. Vielleicht nur noch einem: Klaus Lemke, dem unverbesserlichen Chauvisaurus Rex des deutschen Films. 76 ist der Kultfilmer mittlerweile und daddelt noch immer wie selbstverständlich mit
zwei heißen Schnitten – oder wie man das früher nannte – unterm Arm durch das Münchner Univiertel. Lemkes filmische Produktion ist dabei ungebrochen. Wovon auch sein diesjähriger Beitrag zum Filmfest München zeugt: »Making Judith«, ein Hybridfilm und hingerotztes Laienspiel, das einen – lemketypisch – gleichermaßen abstößt wie fasziniert. Abseits der Machofantasien passiert aber etwas. Zunächst nur kaschiert im Off platziert Klaus Lemke eigentümlich melancholische Reflexionen über das Kino und das Filmemachen. Da sagt er etwa: »Ich wäre lieber der Film als dessen Regisseur.« Solche Sätze lassen sich fast leitmotivisch für die diesjährige Auswahl deutscher Filme auf dem Münchner Filmfest lesen, da sich dort entgegen arthousiger Gebärden oder politischem Pathos vor allem eine tiefe Lust an der Unterhaltung herauszukristallisieren scheint.

Diese Tendenz ist dem Filmfest quasi in die DNA geschrieben. In Abgrenzung zur Berlinale bezeichnet es sich gerne als Publikumsfestival, und dem Publikum soll in Zukunft noch mehr geboten werden. Deshalb betont man in Münchengerade gerne die neue Stardramaturgie. Sophia Coppola, Brian Cranston und Bill Nighy lauten die großen Namen, die für mehr Glamour und internationale Aufmerksamkeit für Deutschlands zweitgrößtes Filmfestival sorgen sollen. Sophia Coppola (»The Virgin Suicides«, »Lost in Translation«), der auch eine Retrospektive gewidmet ist, wird mitihrem aktuellen Film »Die Verführten« Deutschlandpremiere feiern, »BreakingBad«-Superstar Brian Cranston den CineMerit Award erhalten und der Brite Bill Nighy (»Love Actually«) mit »Ihre beste Stunde« das Festival beenden. Doch neben diesem
Starbrimborium gibt es einen anderen Grund, warum das Münchner Filmfest gerade für den deutschen Film eine besondere Relevanz hat, warum hier besonders viele Produktionen einen Verleih finden: So bildet München nämlich in seiner Reihe Neuer Deutscher Film seit Jahren durch eine gewisse thematische Entspanntheit einen sehr aussagekräftigen Querschnitt durch die aktuelle deutsche Kinolandschaft ab und wurde so zu einem recht zuverlässigen Seismografen dafür, welche Themen oder formalen Ansätze das deutsche Kino gerade umtreiben.

Drei rote Fäden

Christoph Gröner, Kurator der Reihe Neuer Deutscher Film, holt für diese Festivalausgabe zwanzig Filme nach München, zwanzig Weltpremieren und, wie er unterstreicht, allesamt Produktionen, denen er auch eine gewisse internationale Strahlkraft zutraut. Augenfällig bereits beim ersten Blick auf das Programm der Reihe ist dessen Diversität. »Es gibt dieses Jahr nicht den einen roten Faden«, so Gröner, »sondern mindestens drei.« Beziehungsfilme, Genrefilme, kreativer Widerstand. Der klassische Sujetfilm dagegen tritt in den Hintergrund. Dafür gibt es durch die Bank jede Menge starke, weibliche Protagonisten.

Die Reihe zum deutschen Film entkoppelt sich damit zunächst einmal vom eigentlichen Filmfest-Motto: »Youth on the Move«. Denn wo in internationalen Produktionen wie Fien Trochs »Home« von
Jugendbewegungen erzählt wird, konzentrieren sich die deutschen Filmbeiträge wie »Luft« oder »Blind & hässlich« auf den Umkreis des Intimen und lassen gesamtgesellschaftliche Problembezirke allenfalls indirekt als denjenigen Hintergrund aufleuchten, vor dem das Zwischenmenschliche ausgelotet wird. Überraschend aber ist, dass mit diesem etwas staubigen Etikett des Beziehungsfilms nicht notwendig
Schicksalsergebenheit einhergeht. Tom Lass’ formidable Komödie »Blind & hässlich« etwa, eine Liebesgeschichte zwischen einer durchgebrannten Abiturientin, die sich blind stellt, und einem selbstmitleidigen Außenseiter mit Überbiss, strotzt nur so vor anarchischer Kraft, und wo die reale Welt dem Märchen in die Quere kommen würde, da lässt Lass im Film die Polizei einfach mal ein Auge zudrücken. Ähnlich wie sein Bruder Jakob, der auf dem 2013er Filmfest mit »Love Steaks« in
sämtlichen Kategorien des Nachwuchspreises reüssierte, interessiert sich Lass nicht für ein naturalistisches Rumgeheule, sondern behauptet trotzig eine coolere Welt.

Das Vorbild USA

Gröner spricht in diesem Zusammenhang auch von einer »Ermüdung hinsichtlich des didaktischen Themenfilms«, was auch die enorme Zunahme an Produktionen im Bereich des Genrekinos widerspiegle. Deshalb seien, als zweites Epizentrum der Reihe, dieses Jahr überproportional viele deutsche Horrorfilme oder Thriller vertreten. Überraschend ist auch hier, mit welcher Souveränität mittlerweile trotz der nach wie vor schwierigen finanziellen Umstände inszeniert und an die großen Vorbilder aus Hollywood angeknüpft wird. So überzeugt etwa Oliver Kienles Film »Die Vierhändige«, der mit spektakulärer Kamera die traumatischen Spätfolgen eines Gewaltverbrechens einfängt, als ein sehr düsterer Psychothriller, der in Plot und Ästhetik überzeugend Anleihen an die Arbeiten David Finchers nimmt. Wie schnell dieses Anknüpfen an den US-Genrefilm aber auch schiefgehen kann, zeigt der
Agententhriller »Luna«, wo trotz einiger interessanter Twists in der Geschichtedas Gesamtprodukt am Ende doch relativ schnell Richtung Trash wegkippt.

Während sich einerseits eine starke Orientierung am US Kino beobachten lässt, gibt es zumindest als dritten Schwerpunkt den Versuch, thematisch einer gewissen gesellschaftspolitischen Relevanz nachzukommen. In Irene von Albertis »Der lange Sommer der Theorie« oder Rosa von Praunheims »Überleben in Neukölln« werden politische Diskurse, etwa über die explodierenden Mietpreise in Berlin, nach München importiert und sollen hier in Form von anschließenden Gesprächsrunden unter anderen Vorzeichen diskutiert werden. Für Gröner öffnet sich damit auch eine Klammer in der Reihe Neues Deutsches Kino hin zur großen Retrospektive von Reinhard Hauffs Werk. Denn in Hauffs Filmen wie »Messer im Kopf« oder »Stammheim« sei eine thematischeSorge um Solidarität immer mit dem filmischen Anspruch auf Unterhaltung verbunden.||

FILMFEST MÜNCHEN
22. Juni bis 1. Juli| Termine, Spielzeiten und sonstige Informationen zum Festival