Mutter kommen ins Milla. Ein guter Grund, im Bachbett mal wieder ein Flaschenbier zu entkorken.

Mutter 2017 | © Jens Sage

Auch wenn dieser Begriff schon abgenutzt ist, auf Mutter trifft er zu: Kultband. Natürlich, wenn man »Kult« nicht auf das bezieht, was der Mainstream super findet. Obwohl die Berliner schon seit 1986 unterwegs sind, haben sie die breite Masse nie ganz erreicht. Dafür gehören Ex-Blumfeld Sänger Jochen Distelmeyer und der Schriftsteller Tex Rubinowitz zu ihren Fans. Letzterer forderte anlässlich der neuen Platte »Der Traum vom Anderssein«: »Fragt nicht, was Mutter für euch tun kann, fragt euch doch mal, was ihr für Mutter tun könnt.«

Wenn man ihre Anfänge betrachtet, muss sofort das nächste abgenutzte Wort her, nämlich »einzigartig«. Den Sound, den sie in der Mauerstadt produzierten, war eben mit nichts anderem aus der damaligen Bundesrepublik vergleichbar: verzerrte Gitarren, schleppendes Tempo, Max Müllers kaputter Gesang – als Vergleich können nur US-Bands wie die Swans herhalten. Dazu noch ein Albumtitel wie »Ich schäme mich Gedanken zu haben, die andere Leute in ihrer Würde verletzen«. Musik wie eine Feuerprobe.

Über die Jahre wurden die Klänge zwar humaner, aber nicht konsumierbarer, das ironisch-harmonische Album »Hauptsache Musik« mal ausgenommen. Die Musik wird begleitet von einem Stück Nihilismus. Keinem blindlings verdammendem, sondern einem, der in gewissen Momenten sogar befreit und diese wahnsinnige Welt erträglicher macht. Das hebt sie auch von der zweifelhaften Neuen Deutschen Härte ab, wo das Böse zur aufgepumpten Show wird.

»Der Traum vom Anderssein« schlägt da in die bekannte Kerbe: das Wohlfühlen in der Lüge, die krampfhafte Suche nach Individualität und nebenbei die ganz simplen Wahrheiten (»Menschen werden alt und dann sterben sie«). Klingt deprimierend? Am Ende ist man dankbar für ein Stück Ehrlichkeit mit Rückkopplungen. Wie es einmal darum stehen wird, hat Jochen Distelmeyer bereits in der Doku »Wir waren niemals hier« zusammengefasst: »Später werden die Leute sagen: ›Das hat kein Schwein wahrgenommen, ist aber das Geilste gewesen.‹« Und im Mai im Milla live zu erleben. Legendär, wahrscheinlich.||

MUTTER
Milla| Holzstr. 28 | 20. Mai| 20.30 Uhr
Tickets: 089 54818181