Andres Veiels »Beuys« porträtiert den Mann mit Hut, seine Provokationen,seine Kunst, sein Lebenswerk in einer artistischen Montage aus Dokumenten.

Joseph Beuys bei der Pflanzung von »7000 Eichen« bei der documenta 7 in Kassel 1982 © documenta archiv / Dieter Schwerdle / zeroonefilm

»Jeder Mensch ist ein Künstler.« Den Satz kennen viele. Doch so ganz ist diese frohe Botschaft doch nicht bei uns angekommen, denn Joseph Beuys zielte damit auf die Veränderung der Gesellschaft. »Es ist die soziale Kunst gemeint«, zitiert ihn der Dokumentarfilm von Andres Veiel, »an der alle Menschen nicht nur teilhaben können, sondern teilhaben müssen.« Beuys schuf die Theorie der »sozialen Plastik«, und im Film lässt sich verfolgen, wie er seinen erweiterten Kunstbegriff praktizierte. Er gründete die Organisation für direkte Demokratie durch Volksabstimmung, hoffte den Kunstmarkt zu überwinden, wollte als 1961 bestallter Inhaber des Lehrstuhls für monumentale Bildhauerei der Düsseldorfer Akademie dort – entgegen herkömmlicher Regularien und indem er das Sekretariat besetzte – allen Abgelehnten freien Zugang zu seiner Klasse schaffen und ein internationales Zentrum für kulturellen Austausch etablieren, wurde aber von Wissenschaftsminister Johannes Rau 1972 fristlos entlassen. Und er arbeitete am großen Countdown: »noch 2272 Tage bis zum Ende des Kapitalismus«.

In diesem Spannungsfeld von Beuys’ Provokationen und den Rückschlägen in der Rezeption zeichnet Veiel sein Porträt. Der eineinhalbstündige Dokumentarfilm ist auf virtuose Weise aus historischem Bild- und Filmmaterial und O-Ton-Dokumenten montiert. Dem kam entgegen, dass der Kunst-Schamane und Aktivist Beuys – seit seinem Agieren als Aktionskünstler 1963 – stets von Kameras umgeben war. Der Mann mit dem Hut – Veiels Film zeigt auch seltene Szenen ohne – wurde eine rätselhafte Marke, fast so bekannt wie Andy Warhol. Veiel lässt sich vom antikonventionellen Impetus der 60er und 70er Jahre, der Beuys’schen Gedankenfreiheit und Geistesgegenwart inspirieren – und von dessen medienreflexiver Cleverness. »So richtig Hollywood«, mit diesem Spruch (im 1969 selbst medienreflexiven Film-Experiment von Lutz Mommartz »400 M IFF« – was 400 Meter überlagertes Filmmaterial bedeutet) beginnt Veiel seinen Film, und Beuys weiß: »Der anonyme Zuschauer ist dahinten«.

Fett, Filz und Eichen

Die Kamera hat nur ein Auge. Aber dann entfesselt Veiel seine Bilder. Im Analog-Zeitalter zog der Fotograf mehrere Negativ-Filmstreifen nebeneinander auf ein großes Blatt ab, um aus der Serie der vielen Bildchen die geeigneten Motive auszuwählen und mit Klebepunkt zu markieren. Dieses, nun digital erschaffene und übertrumpfte, Raster nutzt auch Veiel, lässt das Auge dabei navigieren, sucht mit Lichtfokus, schwebt über den und zoomt mit Punktlandung in die Rahmen, lässt Filmbilder zu Stills
einfrieren, animiert Fotos oder setzt aus ihnen Bewegtbildsequenzen frei. Er zaubert mit Schreibmaschinenbuchstaben, lässt wie in der digitalen Umklappuhr Zeiten wechseln. Veiel demonstriert ein gleichsam unendlich ausuferndes Splitscreen-Raster von Möglichkeiten, die in eine Erzählform gebracht werden.

Nicht gebraucht hätte es die an Klangbilder aus der »Fluxus«-Zeit anknüpfende, emotionalisierende neue Musik mit Klangschalen, Klavier, Harfe und Schlagzeugsirren. Denn Beuys war unerschöpflich als Sprechgenie und Soundwerker. Ab etwa der Hälfte – Beuys lässt eine Frage nach der Biografie ins Leere laufen – widmet Veiel sich dem Lebenslauf. Familienfilme gleiten in Kriegsfliegerei über, dann folgt der legendäre Absturz, die Rettung durch Tataren mit Fett und Filz. Eine Legende? Eine Künstlerlegende! Mit vielen Merkmalen dieses traditionsreichen Erzählschemas: Berufung, Talent, Krise, Ablehnung. Nicht ganz konsequent eingesetzt – erzähltechnisch und als andere Archivform – sind die »Talking Heads«, Zeitzeugen wie der Jugendfreund und Beuys-Sammler Franz Joseph von der Grinten oder der Verleger Klaus Staeck. Sie charakterisieren Beuys (und sich selbst) auf treffende und sympathische Weise, fungieren freilich als nachträgliche Evangelisten; Johannes Stüttgen war Meisterschüler, weiterer Wegbegleiter und »ein richtiger Jünger«. Beuys, ein Revolutionär wie Jesus in seiner »Konsequenz von Reden und Tun«, wird von der Grünen-Partei verraten.

Was bleibt von diesem 1986 verstorbenen Heiland? Die wundersame Verwandlung eines gigantischen Steinhaufens und – von Menschen gemeinsam gepflanzter – »7 000 Eichen« (1982 bei der documenta) zu sozialen Kunstwerken aus erstarrter Basaltstele und stete Dynamik erzeugendem Baumwesen. Ist dieser Heros auch ein Vordenker für unsere globalisierte Zukunft? Sein Prinzip war: »Ich ernähre mich durch Kraftvergeudung.« ||

BEUYS
Dokumentarfilm | Deutschland, 2017 | Regie: Andres Veiel | 107 Min. | ab 18. Mai im Kino
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