Vermarktung einer populären Protestkunst oder Wertschätzung zeitgenössischer Fantasie? Die einst illegale Street Art ist heute in Galerien, Museen und Eventschauen zu bewundern – aktuell einen Sommer lang im Olympiapark.

Alles so schön bunt hier – Das Karussell von OLEK, im Hintergrund »Human« von Tristan Eaton| © Hardy Mueller

Das größte Street-Art-Projekt in Deutschland war wohl die Berliner Mauer – und doch ist nicht Berlin, sondern München die Sprayer-Hauptstadt unseres Landes. Wer hätte das gedacht? Was beim Bemalen einer Mauer, die die Spaltung einer Nation demonstrierte, noch politisch motiviert war, wurde freilich mehr und mehr dekorativ; seit Längerem entsteht städtisch geförderte Kunst am Bau. Inzwischen ist die Kunst der Sprayer auch im Museum angekommen. Leiser Unmut regt sich beim Überdenken dieser Tatsache. Oder liegt es nur daran, wie man Museum definiert? Ist es ein Ort der Bündelung weltweit entstandener Werke, die zum Zwecke einer Zusammenschau – womöglich mit didaktischem Anspruch – in geschlossenen Räumlichkeiten verwahrt werden? Oder heißt museal: aufgesogen vom »Establishment« und durch Vereinnahmung mundtot gemacht?

Das ist schon eine Überlegung wert, wenn es wie hier um die Kunstgattung Street Art oder Graffiti geht, deren Anfänge subversiv, rebellisch, verstörend und gesellschaftskritisch waren. Und die prinzipiell nicht für die Ewigkeit geschaffen wurde, sondern im Blick auf baldige Zerstörung. Wird hier dem kritischen Potenzial der Stachel gezogen, werden die Unruhestifter mit Aussicht auf Aufträge und Ruhm ins Museum gelockt?

Entertainment und Interaktion

In der Ausstellung »Magic City« in der Kleinen Olympiahalle hat man auf 2500 qm die Werke von 66 Künstlern aus 20 Nationen zusammengetragen. Nein, falsch – die Künstler wurden zusammengerufen und haben teilweise vor Ort ihre riesigen Wandbilder und Installationen erschaffen. Eine kommerzielle Veranstaltung, freilich, schön bunt – die Vielfalt von Techniken und Genres ist thematisch in sechs Kapiteln gebündelt: Monsters in the City – Das Vermächtnis von Graffiti – Interventionen – Die globale Stadt: Politik, Flüchtlinge & Krieg – Vergnügungen – Architektur: Entropie & Kontrolle. Man merkt schon, hier mischen sich gesellschaftlicher Gegenwartsbezug mit Entertainment und – wie man dann sieht – Illusionskunst mit Interaktion. Es gibt Audioguides, Führungen, zusätzliche Events, Kinosonntage, und am Samstag können Besucher selbst in Workshops loslegen.

Die Macher dieser Show sind Carlo McCormick und seine Co-Kuratorin Ethel Seno. Den profunden Kennern der Szene ist es gelungen, teilweise sogar die Big Stars in die Schau zu integrieren, wenn nicht als konkrete Gestalter vor Ort, so doch mit gastierenden Werken. Der berühmteste Künstler dieses Faches, der geheimnisumwobene Banksy, muss natürlich dabei sein, er ist jedoch nur kleinformatig mit zweien seiner bekanntesten Bilder auf Papier und im Rahmen vertreten. Oder Shepard Fairey, der 2008 durch sein Obama-Plakat »Hope« schlagartig bekannt wurde – das er nun mit Trump und seiner vom Winde verwehten Tolle und dem Titel »Nope« aktualisierte. München hat bereits ein »echtes« Wandgemälde von Fairey an einem Gebäude der Stadtwerke in der Landshuter Allee, in Auftrag gegeben von der Landeshauptstadt. Auch Loomit, der bekannteste Sprayer der hiesigen Szene, darf in dieser Wanderschau, die – zuerst in Dresden und im Winter dann in Stockholm – lokale Künstler einbindet, nicht fehlen: Er zeigt einen fliegenden dreidimensionalen Elefanten in grün und lila. Loomit äußert sich sehr positiv über die Stadt, die ihmund vielen Kollegen zu Möglichkeiten verhilft, ihre Street Art an die Wand und so unter die Leute zu bringen.

Spray-Stadt München

Kenner wissen: München ist die Wiege der deutschen Graffitis. Die Kommunikations-Guerillas begannen bereits Ende der 60er, Anfang der 70er Jahre: Als es endlich (!) Farbdosen zum Sprayen gab, stand plötzlich überall in krakeligen Lettern »Heiduk« an Wänden; Pionier RAY verzierte 1984 einen Güterzug. Die erste Sonderkommision Graffiti wurde in München gegründet, denn 1985 war ein ganzer S-Bahn-Zug der Stolz der heimlichen Helden. (Heute beauftragen Verkehrsbetriebe Street-Artisten, ihre Züge zu »gestalten«.) Und schon 1986 war das Buch »Munich Graffiti« erschienenen. Ein weiterer Meilenstein in der Szene war die Gründung des Vereins Positive Propaganda, dessen künstlerischer Leiter, Sebastian Pohl, immer wieder renommierte Künstler nach München holte, um legal Häuserwände zu gestalten. Pohl nun hat die Show »Magic City« in »Tragic City« umbenannt. Das hat doch was!

Es wird viel gesprayt: Am Schlachthof, im Werksviertel, und nun ist auch der Bauzaun für die bevorstehenden Restaurierungsarbeiten auf dem Olympiagelände zur Umarbeitung in Street Art freigegeben. Im Freien – wie sich’s gehört. Und im Museum: 2010 gab es eine Sonderschau des Kunstsalon im Haus der Kunst mit Loomit und Konsorten. Letztes Jahr richtete das Buchheim-Museum dem Münchner Graffiti-Künstler Won ABC eine Einzelausstellung aus, von der noch ein submarines Wandbild und ein kunterbunt besprayter Helikopter auf der Wiese zeugen. Zudem wurde im Dezember 2016 das MUCA (museum for urban and contemporary art) durch die Galeristen Stephanie und Christian Utz in einem aufgelassenen Umspannwerk in der Altstadt eröffnet (Hotterstraße 12, bis 28. Juni, täglich außer Di 10–20 Uhr).

Aktuell widmet sich eine weitere Ausstellung dieser Kunst der Straße, auch wenn sie hier, etwas vornehmer, »Urban Art« genannt wird. Das französische Auktionshaus Artcurial – Spezialist auch für die Vermarktung von Street Art – hat eigene Räume im Hofgarten bezogen (Galeriestr. 2b). Dort werden bis 17. Mai 25 Urban-Art-Werke des Kunstsammlers Christian Hoste und aus anderen privaten Kollektionen gezeigt. Doch es handelt sich nicht um eine Auktionsvorbesichtigung, sondern – gleichsam in der Nachfolge vieler Versteigerungen – um eine »nichtkommerzielle Ausstellung«. Zu sehen sind u.a. Werke von JJ.R., Katrin Fridriks, SEEN und – eine Ikone – das Schablonenbild »Love is in the Air« von Banksy. Wer will, kann also weiter darüber diskutieren, ob dieser Widerspruch in sich, Straßenkunst ins Museum zu transferieren, zu entfremdeter Vermarktungskunst führt oder ihr zur verdienten Anerkennung verhilft. ||

MAGIC CITY – DIE KUNST DER STRASSE
Olympiapark München, Kleine Olympiahalle| SpiridonLouis-Ring 21 | bis 3. September| Di–Fr und So 10–18 Uhr, Sa 10–22 Uhr

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