Hier der erste Teil unseres Überblicks über die Kinostarts des Monats. Weitere Rezensionen finden Sie im aktuellen Heft – auch als MF Digital.

Rückkehr nach Montauk

Nina Hoss und Stellan Skarsgård in »Rückkehr nach Montauk« © Wild Bunch Germany

von Thomas Lassonczyk
Volker Schlöndorff ist ein großer Verehrer von Max Frisch. Das wissen wir nicht erst seit seiner Adaption von dessen Roman »Homo Faber« aus dem Jahr 1991. Jetzt hat sich der hochdekorierte Regieveteran und Experte für Literaturverfilmungen (Oscar für »Die Blechtrommel«) einmal mehr mit dem Schweizer Literaten beschäftigt. »Rückkehr nach Montauk« ist indes keine Umsetzung von Frischs stark autobiografisch gefärbter Novelle »Montauk«, sondern basiert auf einem Drehbuch, das Schlöndorff gemeinsam mit dem irischen Schriftsteller Colm Tóibín verfasst hat. Die Geschichte, die im Hier und Jetzt verankert ist, handelt von dem Schriftsteller Max (sic!), der in New York sein neues Buch vorstellt. Darin geht es um eine gescheiterte große Liebe. Genau diese hofft Max, inzwischen mit der deutlich jüngeren Clara liiert, im Big Apple wiederzusehen. Doch wie wird Rebecca, inzwischen eine erfolgreiche Anwältin, nach all den Jahren auf sein plötzliches Auftauchen reagieren?

In seinem fragilen Beziehungsdrama spielt Schlöndorff geschickt mit Wahrheit und Fiktion, lässt letztlich den Betrachter darüber entscheiden, was er davon gerade sieht. Ein großes Manko ist indes die fehlende Chemie zwischen den Protagonisten Stellan Skarsgård und Nina Hoss, ihnen nimmt man in keiner Phase des Films ab, dass sie einmal etwas füreinander empfunden haben könnten. Zudem reiht sich eine Großaufnahme an die andere, die Kamera klebt förmlich an den handelnden Personen, die entweder ausdrucks- und emotionslos monologisieren oder sich in nicht endenden Dialogen verschleißen. Dennoch bleibt im Verborgenen, was die Menschen letztlich antreibt, was sie fühlen, Schlöndorff gelingt es also nicht, das Innenleben seiner Charaktere nach außen zu kehren, es transparent zu machen. Schade. ||

RÜCKKEHR NACH MONTAUK
Deutschland, Frankreich Irland 2016 | Regie: Volker Schlöndorff
Mit: Stellan Skarsgård, Nina Hoss, Susanne Wolff | 105 Minuten
Kinostart: 11. Mai
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Einsamkeit und Sex und Mitleid

Bernhard Schütz in »Einsamkeit und Sex und Mitleid« | © x-verleih

von Matthias Pfeiffer
Puh, wo soll man anfangen? Beim rassistischen Cop? Beim jugendlichen Macho-Araber, der seine erste Liebe findet? Bei der veganen Mutti, die der Familie fehlende Struktur vorwirft? Oder doch lieber bei der einsamen Künstlerin, die mit dem spießigen Supermarktleiter ins Bett geht? Am besten man fasst Lars Montags »Einsamkeit und Sex und Mitleid« kurz so zusammen: ein Panoptikum voller verkorkster Existenzen. Die zahlreichen Figuren dieser Verfilmung von Helmut Kraussers gleichnamigen Roman sind nicht nur durch ihre einzelnen Handlungsstränge miteinander verbunden, sondern durch eine grundsätzliche Unzufriedenheit mit dem Leben, in dem es oft außer Sex, Wut und Lethargie nicht viel gibt.

»Einsamkeit und Sex und Mitleid« versucht ein allumfassender Blick auf die Verlorenheit des deutschen Mittelstands zu sein. Das gelingt ihm aber nur teilweise. Der breiten Palette an Krisen fehlt die nötige Tiefe. Das mag an der Breite der Palette liegen. Beginnt nämlich ein Schicksal interessant zu werden, wird es schon durch das nächste abgelöst. Das richtige Einfühlen in eine Person fällt da denkbar schwer. Außerdem wirken viele der Figuren wie frisch aus der Klischeekiste gezogen. Ja, der Film ist natürlich eine Satire und darf sich damit mehr herausnehmen als soziale Autopsien à la Haneke und Seidl.Aber schädlich wird es dann, wenn man die Personen vor lauter Schablonenhaftigkeit gar nicht mehr ernst nehmen kann. Da rettet auch der darübergestreute Brachial-Bums-Humor nichts mehr. Schade, denn einige Ansätze in Montags Film sind durchaus vielversprechend. ||

EINSAMKEIT UND SEX UND MITLEID
Deutschland 2016 | Regie: Lars Montag | Mit: Jan Henrik
Stahlberg, Friederike Kempter, Bernhard Schütz u. a.
119 Minuten | Ab 4. Mai im Kino
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Sieben Minuten nach Mitternacht

Lewis MacDougall in »Sieben Minuten nach Mitternacht« | © Studiocanal

von Christiane Pfau
Wie soll man sich von etwas befreien, was man kaum auszusprechen wagt? Der 13-jährige Conor (Lewis MacDougall) hat einen Albtraum, der ihn Nacht für Nacht heimsucht: Er schafft es nicht, seine kranke Mutter festzuhalten. Dafür besucht ihn ein sprechender Baum, aber diese Ungeheuerlichkeit ist fast nichts gegen die monströse Angst, die Conor vor dem Tod seiner Mutter hat. Und gleichzeitig wünscht er sich nichts mehr, als dass diese Angst endlich aufhört.

Juan Antonio Bayona hat das gleichnamige Buch von Patrick Ness und Siobhan Dowd mit dem erstaunlichen Lewis MacDougall als Conor und Liam Neeson als Baum verfilmt. Zu Recht wurde Bayona für seine ungewöhnliche Umsetzung mehrfach ausgezeichnet. Der riesige, weise Baum erzählt Conor drei Geschichten, die als kunstvoll animierte Bilderbuchseiten in die Filmhandlung integriert sind. Sie entführen den Jungen (und den Zuschauer) in eine Welt, in der Dinge geschehen, die aushebeln, was auf den ersten Blick als richtig oder falsch gilt. Conor lernt auf brachiale Weise, dass alles mindestens zwei Seiten hat. So wild Bayonas Bilder sind, so zärtlich sind sie auch: Wie sonst soll Conor erfahren, was das Wesen einer Beziehung ausmacht? Dass man jemanden loslassen muss, um ihn zu behalten? Brutal, massiv und laut ist seine Angst, der er sich mit dem Mut der Verzweiflung entgegenstellt. Schuldgefühle, Zorn und unendliche Trauer, alles wird hier ohne falsche Zurückhaltung sichtbar. Man liebt den Jungen, seine Mutter und die Großmutter, und vor allem den Baum, der dröhnend den Moment herbeizwingt, in dem Conor sich befreit. Gewaltige Gefühle, gewaltige Bilder, gewaltiger Trost. ||

SIEBEN MINUTEN NACH MITTERNACHT
USA 2016| Regie: Juan Antonio Bayona | Mit: Lewis MacDougall,
Sigourney Weaver, Felicity Jones, Liam Neeson u. a.
108 Minuten | Kinostart: 11. Mai
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