»Vergehen« ist eine Oper, dieman sich erläuft, mitSmartphone und App. Damitbetritt der MünchnerKomponist Mathis Nitschke Neuland.

Grafik: Moni Huber

2015 brach in der global vernetzten Welt das »Pokémon Go«-Fieber aus und setzte Liebhaber virtueller Welten in Massen in reale Bewegung. In München gibt es nun so etwas wie die musiktheatrale Antwort auf das interaktive Nintendo-Spiel: Mit »Vergehen« hat der auf neue Technologien spezialisierte Konzeptkünstler, Komponist und Sounddesigner Mathis Nitschke eine Oper entworfen, die man sich erläuft. Wie »Pokémon Go« basiert »Vergehen« auf dem Prinzip der erweiterten Realität, indem das Publikum durch GPS und Echtzeitlokalisierung auf einer digitalen Landkarte positioniert wird, wobei die virtuelle Welt in klingende Interaktion mit den Objekten der Wirklichkeit tritt. Um das zu erleben, muss man nichts anderes tun, als eine App auf seinem Smartphone zu installieren.

Der Hörspaziergang beginnt an der Isar unterhalb des Maximilianeums, wo man von einer sanften, aber bestimmten Frauenstimme auf den Steg Richtung Deutsches Museum gelotst wird. Ein Abweichen vom Weg wird nicht toleriert – mit schönem Sopran interveniert Sarah Aristidou im Schulterschluss mit Google Maps gegen das Vergehen: »mehr rechts« – und macht damit auch digitale Überwachung zum Thema, während Anja Lechner über psychedelischen Bässen vollmundig ihr Cello zupft. Auf dem Weg über die Brücke Kabelsteg wird Rauschen zum akustischen Begleiter, der Realität und Virtualität verschwimmen lässt und zugleich das entropische Rauschen der Datenströme versinnbildlicht. Auch stellt Nitschke das Handy als intimen Begleiter unserer Zeit aus: »Berühr mich«, fordert die virtuelle Frauenstimme; streicht man dann über den Touchscreen: »Das war schön.« Am eindrücklichsten aber sind die Momente der Stille, wenn die Ohrenstöpsel zu Schalldämpfern werden, durch welche die Alltagsgeräusche wie hinter Watte den Weg in die Gehörgänge finden und damit auch die vertraute Umgebung in ein neues Licht tauchen.

Mathis Nitschke will, »dass sich der Hörer in Bewegung setzt« und »das direkte Erleben« von Musik fördern. Und das gelingt ihm gerade durch den Einsatz neuer Technologien, mit denen er die Virtualität als realen Raum hörbar macht und dem Liveerleben von Musik in der digital entgrenzten Welt einen neuen öffentlichen Raum zugänglich macht, der zugleich dem Anspruch der Oper als multimedialem Gesamtkunstwerk gerecht wird. Die Genregrenzen ignorierende Stilvielfalt wird dem Pluralismus unserer Zeit gerecht, und auch inhaltlich überzeugt das Konzept: Der Hörspaziergang beschäftigt sich mit dem technischen Versprechen der unbegrenzten Reproduktion realer Erinnerungen durch Fotos und Töne, welche die originalen Bilder überschreiben. Und doch ist »Vergehen« ein Plädoyer für das Vergessen und für die kreative Unschärfe von Erinnerung. Mathis Nitschkes »Vergehen« liegt auch als CD und Download vor – doch damit nimmt man dem Hörspaziergang die besondere performative Kraft, digitale Virtualität in reales Erleben zu übersetzen. Vergehen erinnert an Verlaufen und beschwört Walter Benjamins Flaneur, der ohne festes Ziel, aber mit offenen Augen und Ohren die Welt und seine Stadt erkundet. In diesem Sinne: »Vergehen Go!« ||

VERGEHEN
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