Einst waren Jazzmusiker wütend und frei. Jetzt sind sie Thema einer Ausstellung im Haus der Kunst.

In Aktion: Cecil Taylor und Günter »Baby« Sommer | © Dagmar Gebers, FMP

Der Widerstand ist längst Geschichte. Das »Total Music Meeting« zum Beispiel war 1968 als Gegenveranstaltung zum etablierten Berliner Jazzfest gegründet worden, das die Avantgarde-Herren vom experimentellen Globe Unity Orchestra nur in Anzügen auf die Bühne der Philharmonie lassen wollte. Ihm und dem assoziierten Label FMP (Free Music Production, ein Zusammenschluss zahlreicher »Freijazzer« gegen den Kommerz) ist eine Ausstellung im Haus der Kunst gewidmet, die davon lebt, das Archiv des ehemaligen Geschäftsführers Jost Gebers auszuwerten.

Das fängt im Treppenaufgang gut an mit einem Video, das das Globe Unity Orchestra 1970 eben doch auf der Bühne der Scharoun-Philharmonie zeigt. Das geht schon weniger spannend weiter mit der Aufreihung aller 33 Meeting-Plakate bis zum finalen Jahr 2000. Musik gibt es zu hören, per Kopfhörer und aus verstreut platzierten Lautsprechern. Wobei Lautstärke eine wesentliche Qualität des Free Jazz ist, die bei dieser Art von Wiedergabe fehlt – ganz zu schweigen davon, dass sich die diskreten Klangquellen zu seltsamer Hintergrundberieselung mischen: free muzak.

Zu den spannendsten Themen zählt die Special Edition »Cecil Taylor in Berlin ’88«, als Box mit elf CDs ein Dokument der monatelangen Zusammenarbeit des amerikanischen Pianisten mit Musikern aus dem Umfeld der FMP. Die Videoaufzeichnung eines Solokonzerts bietet Freejazz-Neulingen Gelegenheit, über Taylors auch darstellerisch spannende Performance einen Zugang zu Musik zu finden, die ihnen vielleicht bisher nur als Feindbild galt. Auch die chronologische Zusammenstellung aller 216 Plattencover aus den Jahren 1969 bis 1991, häufig vom als Grafiker ausgebildeten Peter Brötzmann gestaltet, ist ein attraktiver
Einstieg, der insbesondere vermittelt, dass es durchaus FMP-Humor à la »Auf der Elbe schwimmt ein rosa Krokodil« oder »Ein halber Hund kann nicht pinkeln« gab.

Offene Fragen…

Dass die Präsentation als Ganzes dennoch öde wirkt, liegt nicht nur am Zusammenspiel von grauen Wänden und schwarz-weißen Fotos. Markus Müller, der schon die Ausstellung über das Plattenlabel ECM (2012/13) betreute, kann zwar mit einigen raren Koproduktionen von FMPlern und Künstlern wie Kippenberger, Penck oder Oehlen punkten. Dominiert wird die Ausstellung aber von endlosen Programmlisten und entsprechenden Plakaten, von einer archivarischen Annäherung an die Ausstellungsstücke, ohne dass Fragen aus heutiger Perspektive gestellt werden. Unterschiedliche Auffassungen auch innerhalb der FMP? Muss man in ausliegenden Publikationen suchen. Wie ging’s im Studio zu? Wie hat welches Konzertpublikum reagiert? Keine Angaben. Stets ist der Blick auf Bühne und Musiker gerichtet. Über Konzertatmosphäre oder gelegentlich happeningartige Aktionen etwa erfährt man so wenig wie über Anfeindungen, denen der Free Jazz ausgesetzt war.

Und was ist heute los mit der Revolution von gestern? Eine von Besuchern häufig gestellte Frage, die im Mai Antworten bekommt, wenn bei zwei Konzerten klar wird, dass freier Jazz am besten funktioniert, wenn man ihn live erlebt. Wenn Peter Brötzmanns Bratzophon auf die Steel Guitar der wunderbaren Heather Leigh trifft und die Veteranen Han Bennink und Alexander von Schlippenbach auf Youngster der Bewegung wie Marino Pliakas und Michael Wertmüller prallen, dann können zehn Minuten Musik vermutlich mehr vermitteln als die Vitrinen und Stellwände einer Ausstellung, die leider nur das Naheliegendste zum Thema abbildet. ||

FMP: THE LIVING MUSIC
Haus der Kunst |bis 20. August |Konzerte: 5. und 6. Mai| 19.30 und 18.30 Uhr | Tickets: 089 21127113