Jim Jarmusch nähert sich in der filmischen Hommage »Gimme Danger« seinem großen Punk-Vorbild Iggy Pop an. In dem wild-verspielten Dokumentarfilm kommt der Zuschauer dem ehemaligen Frontman der Stooges ganz nah.

Die Stooges in ihren legendären Tagen | © Danny Fields / Gillian McCain

Iggy Pop wird 70! Nein, das ist keine »Titanic«-Schlagzeile, sondern die pure Wahrheit. Während beispielsweise sein ehemaliger Best Buddy David Bowie längst im Himmel auftritt, vielleicht zusammen mit Prince, Freddie Mercury oder Lemmy Kilmister, ist er immer noch da, was schon einem kleinen Wunder gleicht. Dieser James Osterberg Jr. – so heißt der »Godfather of Punk« mit bürgerlichem Namen – hat nicht nur all jene genannten Rock’n’ Roll-Kollegen überlebt, sondern auch den ganzen Zirkus drum herum.

In »Gimme Danger«, gedreht von einem weiteren guten Kumpel: Jim Jarmusch, lässt sich Iggy Pop gleich mehrfach über das zynische Showgeschäft aus. Von Bob Dylan über Rod Stewart bis Joe Cocker, die er obendrein allesamt gut nachahmen kann, bekommt jeder sein Fett weg. In lockeren Interviewpassagen, gewürzt mit angenehm viel Selbstironie (»Ich rauchte einen Joint unten am Fluss – und verstand plötzlich, dass ich kein Schwarzer war.«), konzentriert sich der in Michigan in einer Wohnwagensiedlung aufgewachsene Musiker vor allem auf seine heute legendäre Zeit als Frontmann der Proto-Punk-Heroen The Stooges.

In den Ausläufern der Flower-Power-Ära setzten die selbst ernannten »Kommunisten« und Gegner von »Hippie-Scheiße« musikalisch in erster Linie auf Krach, Disharmonie und Experimentiergeist. Als »Geniale Dilettanten« im Sinne Blixa Bargelds schockten sie Ende der 1960er Jahre von Beginn an nicht nur die US-Medien, sondern gleich auch das gesamte Establishment: So eine Krawallformation hatte es vorher noch nicht gegeben. Iggy Pop war damals schon ein Bürgerschreck: Wie ein wild gewordener Derwisch tanzte er in Schimpansen-Angriffsstellung über die improvisierten Bühnen, trug ein markantes rotes Hundehalsband – und schmierte sich häufig bei rasch aus dem Ruder laufenden Gigs gerne noch von oben bis unten mit Erdnussbutter ein: mitten im Publikum. Zur selben Zeit erfand der spindeldürre Rock’n’Roll-Titan quasi als Nebeneffekt das »Stage Diving«, weil sich zu seinem Ärger – direkt vor ihm im Publikum – eine Reihe dicker Mädchen während eines Konzerts auf den Boden gelegt hatten. Ob sie das nun aus Langeweile taten oder aus anderen Gründen, ist nicht überliefert – Iggy jedenfalls sprang … »Dabei verlor ich einen Schneidezahn, weil mich keiner auffangen wollte«, kommentiert der Porträtierte jene Urszene der Punk-Rock-Bewegung mit einem dreckigen Lachen im Gesicht.

Aber der gute – bis heute extrem durchtrainierte – Mann war von Karrierebeginn an hart im Nehmen: »Iggy, wir wollen dich kotzen sehen!«, schrie ihn die tobende Menge regelmäßig an. Flaschen flogen, Konzerte mussten abgebrochen werden, obendrein steuerte immer mehr die heftige Heroinsucht aller Musiker das Bandgeschehen: Schneller als ihm lieb war, flog dem heute in der Rock’n’ Roll Hall of Fame Geehrten sozusagen das Leben um die Ohren. Pleite mit 24, halluzinierend und vom Exzess gezeichnet, stand Iggy Pop aber auch noch später vielfach vor dem Aus. Von all dem erzählt »Gimme Danger«, im Sommer bereits in Cannes gefeiert, mit grandiosem Archivmaterial, gewitzten Animationen und jeder Menge Anekdoten, die zugleich die Zeit von Andy Warhol oder Nico & The Velvet Underground wieder aufleben lassen: wild-verspielt, lakonisch im Ton – und quasi aus der Fanboy-, oder besser: Fanman-Perspektive des Indie-Säulenheiligen Jim Jarmusch. Berauschend. ||

GIMME DANGER
Dokumentarfilm | Regie: Jim Jarmusch | Mit: Iggy Pop u.a.
108 Minuten |Kinostart: 27. April
Trailer