Publikumsliebling Maximilian Brückner spielt im Volkstheater »Baumeister Solness«.

Am Boden angekommen: Maximilian Brückner als Solness | © Arno Declair

SOLNESS steht in Riesenlettern über die ganze Bühnenbreite zwischen transparenten Folienwänden. Da könnte auch TRUMP TOWER stehen. Wer sein Ego so ausstellt, muss ein Narzisst sein. Dieser Narzisst sitzt in Unterwäsche auf dem Boden seines kalt-sterilen Büros (Bühne und Kostüme: Stefan Hageneier), eine McDonalds-Tüte über dem Kopf. Er mampft eine Breze, windet sich erbärmlich zwischen verstreuten Pommes: Der Mann ist schon zu Beginn im Suff abgestürzt. Das ist Baumeister Solness, Titelfigur des gleichnamigen Dramas, das Henrik Ibsen 1892 schrieb. Und ihn spielt Maximilian Brückner, der in dieser Inszenierung von Christian Stückl nach Jahren wieder eine große Rolle am Volkstheater hat.

Meist sieht man Solness als seriösen älteren Herrn: Am Resi 2006 mit Lambert Hamel und 1983 mit Hans-Michael Rehberg (unter Zadek). Brückner dagegen wirkt wie ein heutiger Aufsteiger, der berauscht von schnellem Geld und Erfolg jedes Maß verloren hat. Sein einziges Maß sind er und seine vermeintliche Größe – daneben darf es niemanden geben. Wer ihm in die Quere kommt, wird gnadenlos vernichtet. Wütendes Brüllen reicht. Dieser Solness torkelt unkontrolliert zwischen Gewalt-Explosionen und weinerlichem Selbstmitleid – ein kaputter Kotzbrocken, der aber noch Macht hat. Das ist eine mutige Setzung – und ebenso gewagt inszenierte Christian Stückl mit einem aggressiven, gewalttätigen und sexuell aufgeladenen Duktus (samt mancher verbalen und szenischen Verdeutlichung).

So ist die junge Hilde Wangel, die plötzlich auftaucht und ein unerfüllbares Versprechen einfordert, kein netter Gast, sondern bringt Zerstörung. Pola Jane O’Mara ist bedrohlich geschminkt und schwarz gekleidet als Gothic-Punk, mit Stiefeln und Hoodie. Mit der fanatischen Unbedingtheit einer Terroristin verlangt sie das Königreich, das Solness ihr als Kind versprochen hat. Ihn will sie natürlich auch, und kitzelt als scheinbare Seelenverwandte aus dem geschmeichelten Architekten seine wunden Punkte heraus und seine Lebenslüge. Aber damit er ihr Held bleibt, bestärkt sie seine Selbsttäuschung und seinen Größenwahn und treibt ihn zum tödlichen Beweis. Der Turm, den er besteigen soll, ist ein deutliches Phallus-Symbol.

Alle drei Frauen inszeniert Stückl recht klischiert: Magdalena Wiedenhofer darf als Gattin Aline von einer schönen Statue im hautengen Catsuit, immer mit Zigarette, erst langsam zu Gefühlen auftauen. Die verliebt-ergebene Sekretärin Kaja muss Luise Kinner als kokette Trippel-Karikatur spielen – inkusive Quickie im Türrahmen. Überzeugend entwickelt Mehmet Sözer als Ragnar, den Solness als Angestellten ausbeutet, einen wilden Zorn. Und Timocin Zieglers Hausarzt Herdal erschrickt komisch konsterniert, als Solness sich an seiner Brust ausheult und erotisch übergriffig wird. Die Aufführung leidet an Überdruck und zu viel hysterischem Geschrei von Brückner, bestärkt von Tom Wörndls emotionaler Musik mit vielen Pop-Zitaten. Aber sie ist eine schlüssige, heutige Interpretation. ||

BAUMEISTER SOLNESS
Volkstheater | 21., 22. April, 12., 27. Mai, 3. Juni| 19.30 Uhr | Tickets 089 5234655