Der Populismus hält die Politik derzeit fest im Griff. Am Beispiel des Aufstiegs des neuen US-Präsidenten geht Autor und Kulturkritiker Georg Seeßlen dem Phänomen auf den Grund.

Georg Seeßlen | © Bertz + Fischer Verlag

Herr Seeßlen, Populisten feiern derzeit weltweit Wahlerfolge. Deren Reüssieren hat zur gemeinsame Grundlage die Verzerrung der Wirklichkeit. Sind Fakten heutzutage tatsächlich egal?
Wir leben ganz alltäglich, der eine mehr, die andere weniger, in zwei Welten, nämlich in der Welt der Wirklichkeit, in der es um Tatsachen, um Verträge, um Texte, um Ursachen und Wirkungen, um Logik und Anschauung geht, und in einer Welt der Medienträume, der Mythen und Simulationen, in der es um Affekte, um Lust und Angst, um Imagination geht. Diese beiden Welten vermischen sich seit geraumer Zeit.

Bisweilen wähnt man sich beim Verfolgen der Ereignisse mehr einer Reality-Show beizuwohnen als dem Geschehen auf der politischen Bühne.
»Reality« ist ein Format, das halb in dieser und halb in jener Welt angesiedelt ist. Die Politik übernimmt immer mehr Strategien und Formen der Popkultur, und umgekehrt wird die Popkultur auch immer bestimmender für andere Lebensbereiche. Dass wir im Alltag so viel Vulgarität und Dreistigkeit erleben, hat sicher mit dem »Vorbild« von Trashfernsehen, von rüden Castingshows und dem Auftreten mancher Krawalljournalisten zu tun.

Was ist dabei mit unserem Realitätsbegriff geschehen? Er scheint heute fragwürdiger und brüchiger denn je.
Neben eine Kategorie der »objektiven« Wahrheit ist zunehmend eine »gefühlte Wahrheit« getreten, eine Nachricht, die möglicherweise keiner Nachprüfung standhält, aber genau das ist, was ich gerade hören will, ganz so, wie ich ein Stück Unterhaltung herunterlade, das gerade meiner Stimmung entspricht. Die Welt der Informationen und der Diskurse ist zu einem großen Supermarkt geworden, in dem jeder nimmt, was ihn am meisten anspricht, und in dem gekauft wird, was am lautesten für sich wirbt.

Und das ist eine neue Entwicklung?
Bereits Präsident George W. Bush gab öffentlich die Parole aus: »Die Fakten sind mir egal«. Politik und Popkultur haben sich seit einiger Zeit aufeinander zubewegt und sind mittlerweile eine unheilvolle Allianz eingegangen. Der »postfaktische« Präsident Trump ist eine Figur, die immer noch auftritt, als wäre sie in einer Show, aber er macht aus dieser Show politischen Ernst.

Aber wozu dient eine solche Inszenierung?
Wer die Macht über die Medien hat, der hat auch die Macht über die Wirklichkeit. In all den autokratischen Regimes, die wir zu Recht kritisieren, wurde als Erstes die Idee der Wirklichkeit abgeschafft und eben die »alternativen Fakten« verbreitet, von denen nun auch bei Trump die Rede ist. Es kommt bei der Information nicht mehr darauf an, wie wahr und wirklich sie ist, sondern darauf, wie schnell und umfassend sie sich verbreitet, und welche symbolischen und dann auch sehr
realen Auswirkungen sie hat.

Sie beschreiben in Ihrem Buch Donald Trump als ein »Abfallprodukt der Popkultur«. Hat sich die Politik in seinem Fall zu sehr von den Wirkmechanismen der Populärkultur anstecken lassen?
Ich fürchte, es ist schlimmer. Man hat sich nicht so sehr anstecken lassen als vielmehr diese Wirkmechanismen einfach für sich entwendet. Denn Popkultur, selbst wenn sie unserem Geschmack nicht entspricht, ist so lange kein Problem, als sie ihre Grenzen respektiert. Eine Show, bei der ich zwei Stunden lang, wie man so sagt, »das Gehirn ausschalten« muss und kann, ist kein Problem, das Problem beginnt, wenn die mediale Umwelt dafür sorgen will, dass ich es nicht wieder einschalten kann.

Im Falle Trumps lässt sich wahrlich nicht davon sprechen, dass das Präsidentenamt ihn diszipliniere, womit im Vorfeld nicht wenige Kommentatoren gerechnet hatten. Warum setzt der US-Präsident – unter Preisgabe von Stil und gutem Geschmack – weiter auf völlige Entgleisung?
Donald Trump bleibt mit einem gehörigen Teil seines Wesens Teil der Populärkultur und will sich, zum Gaudium seiner Hardcore-Anhänger, politisch, diplomatisch und rhetorisch nicht »zivilisieren« lassen. Mit der Attacke gegen das »Establishment« und die »Elite«, die ja politisch so wenig Sinn macht wie ökonomisch, ist eigentlich eine Art Kulturkampf verbunden. Die Elite, von der der Rechtspopulismus spricht, ist eine Verbindung von Politik und Ökonomie mit Kultur. Traditionell legitimiert sich die Bourgeoisie durch ihren »Geschmack«. Wenn also der Rechtspopulismus am Ende des Tages die ökonomischen Eliten erst richtig entfesselt und von allen politischen Kontrollen befreit hat, dann will er zugleich die kulturellen Eliten entmachten. Auch bei uns gibt es ja diese Vorbehalte: Jemand, der einen Satz mit mehr als einem Komma bildet und von Helene Fischer nicht begeistert ist, sei sogleich »abgehoben«, »elitär« und »arrogant«. Sprachliche Vulgarität und schlechter Geschmack hingegen werden als volksnah und »demokratisch« empfunden. So also wird der »schlechte Geschmack« zum Ausweis der Dazugehörigkeit, zum Teil des »Wir-Gefühls«.

Auch hierzulande wird häufig vor der vermeintlichen Entfremdung der Eliten vom normalen Volk hingewiesen. Ist die Arroganz des Establishments tatsächlich am Erstarken des Populismus schuld?
Unser Problem besteht darin, dass eine Pattsituation zwischen mehreren Kräften entstanden ist. Die Entfesselung der Ökonomie durch Neoliberalismus, Globalisierung und Privatisierung hat viele Menschen abgehängt. Und die politischen Parteien, die traditionellen Instrumente der repräsentativen Demokratie, haben sich in dieser Situation bestenfalls defensiv gezeigt. Die einen beschleunigen diese Prozesse noch, die anderen sind ihnen gegenüber wie gelähmt. Daher entsteht dieser Eindruck der Alternativlosigkeit. Das Bild dieses »Establishment« scheint also: Sie haben die Macht, aber sie ändern nichts. Genauer gesagt: Wenn sie etwas ändern, dann das, was die neoliberalen Kräfte ihnen noch lassen, und das beschränkt sich zumeist auf Symbolpolitik. Was also als Arroganz erscheint, ist vielmehr ein blindes Immersoweitermachen, ein Augenverschließen gegenüber den Auswirkungen, die die politische Ökonomie bis ins Privatleben der Menschen hat. Die Demokratie wird dabei zwar vom politischen Mainstream verteidigt, aber nicht weiterentwickelt.

Vor welchen Aufgaben steht angesichts dieser Lage die kritische Öffentlichkeit und vor allem auch der Journalismus?
Kritische Medien, ein Journalismus, der seinen Namen verdient, eine Rückbesinnung auf eine Ethik der Kommunikation wird in der nächsten Zeit einen gewissen Aufwind verspüren. Die demokratische Zivilgesellschaft hat ein Recht auf eine Kultur der Kritik, die sich dem Postfaktischen und Populistischen entgegenstellt. Und wenn dieses Recht vom Medienmarkt nicht mehr erfüllt wird, dann muss man es politisch einfordern. Es ist ja viel die Rede davon, dass der Wahlsieg von Trump zu einem
»Aufwachen« führen könnte. Wenn das so ist, müssen wir dafür sorgen, dass es nicht ein kurzes Intermezzo bleibt, bevor der Schlaf der Vernunft wieder beginnt. Eine Demokratie wird organisiert durch Gesetze, durch Wahlen, Gewaltenteilung, Rechtsstaatlichkeit und Freiheit der Meinung und der Presse. Wirklich leben aber kann sie nur durch das Wirken der kritischen Vernunft. ||

GEORG SEESSLEN: TRUMP! POPULISMUS ALS POLITIK
Bertz + Fischer, 2017 | 144 Seiten | 7,90 Euro