Wie man mit dem Ende des Lebens umgehen kann, zeigt Karen Breece in ihrem dokumentarischen Theaterprojekt »Don’t Forget to Die«

Exit oder Exist? Diese Rentner haben noch viel vor | © Lothar Reiche

Über der Bühne leuchtet in roten Lettern das Wort »Exist«. Nein, nicht falsch gelesen, auch nach mehrmaligem Hinsehen wird daraus kein »Exit«. Diese charmante Irritation, bevor der Abend unter dem Motto »don’t forget to die« beginnt, zeigt schon in die Richtung, die Regisseurin Karen Breece mit ihren fünf Mitspielern einschlägt: Es geht zwar ums Sterben, aber viel mehr noch ums Leben in den 90 Minuten, in denen Livia Hofmann-Buoni (79), Rosemarie Leidenfrost (93), Uta Maaß (89), Christof Ranke (78) und Ursula Werner (73) das Publikum an einem Diskurs teilhaben lassen, dem man sich meist nur ungern stellt. An diesem Abend erlebt man, wie würdevoll und selbstbewusst der lange Blick zurück und die naturgegeben kürzere Perspektive nach vorn sein kann.

Breece lässt die Fünf einen Abend lang über das sprechen, was in nicht allzu ferner Zukunft kommen wird: das Sterben. Alle spielen sich selbst. Durch monatelanges Training hat Breece erreicht, dass der Abend als Dokumentation funktioniert. Die einzige professionelle Schauspielerin ist Ursula Werner, die u.a. an den Münchner Kammerspielen engagiert war und für ihre Hauptrolle in Andreas Dresens Film »Wolke 9« mit dem Deutschen Filmpreis und dem Bayerischen Filmpreis ausgezeichnet wurde. Die anderen Damen und der einzige Mann auf der Bühne sind Laien.

Die »Darsteller« sind in der Lage, von sich so zu erzählen, dass sie einerseits die Distanz zu ihrer Figur wahren und gleichzeitig als sie selbst glaubwürdig bleiben. Sie alle haben viele Gründe, um noch lange zu leben: Die blinde Konzertpianistin Livia Hofmann-Buoni möchte noch »so viel von der Welt sehen«, Christof Ranke will sein Posaunenspiel perfektionieren, Uta Maaß muss die geerbten Orchideen pflegen, Rosemarie Leidenfrost kümmert sich im Altenheim um Menschen, die deutlich jünger sind als sie selbst, und Ursula Werner findet, es sei einfach noch nicht an der Zeit.

Dennoch sehen sie der Zukunft pragmatisch entgegen: Es geht um den Grabplatz, um die Slogans von Bestattungsunternehmen und um das, was man hinterlassen möchte. Es wird getanzt und gesungen, erzählt und innegehalten. Wenn Christof Ranke Louis Armstrongs »What a Wonderful World« intoniert, wenn Uta Maaß vom Tod eines neunjährigen Kindes auf der Onkologie erzählt oder Livia Hofmann-Buoni im Licht einer Diskokugel eine Urne auskippt, aus der goldene Lamettaschnipsel flattern, sind das unwiderstehliche Momente, denen die Heiterkeit trotzdem nicht abhandenkommt. Wie Rosemarie Leidenfrost sagt: »Angst? Ich habe keine Angst vor dem Tod. Angst habe ich nur davor, dass ich heute Abend hier meinen Text vergesse.« ||

DON’T FORGET TO DIE
HochX | Entenbachstr. 37 | 20., 22., 23. April| 19 Uhr
Tickets: 089 90155102