Nate Parkers kontroverser Film »The Birth of a Nation« findet die falsche Form für ein ehrenwertes Anliegen.

Nate Parker alias Nat Turner in »Birth of a Nation« | © Twentieth Century Fox

Ein machtvolles Pamphlet ist dieser Film, ein fiktionalisiertes Stück Historie – und zugleich das Zentrum eines ganzen Komplexes, der erzählt von Hollywood und Rassismus, von Kinogeschichte und alltagsweltlicher Gegenwart und von dem, was man wissen kann und was nicht.Der Mann jedoch, der alles weiß, heißt Nate Parker. In einer selten gewordenen kreativen Machtfülle hat Parker sein Langfilmdebüt als Regisseur mitgeschrieben, mitproduziert und mit sich selbst in der Hauptrolle inszeniert. Und er weiß, dass sein Held Nat Turner so, wie er ihn schrieb, als einen Mann, der Frau und Kind zurückließ, um im Namen einer angeblich göttlichen Berufung gegen die Sklavenhalter im amerikanischen Süden aufzustehen, nicht recht taugen kann als ungebrochene Identifikationsfigur für ein Publikum des 21.
Jahrhunderts.

Er weiß auch, dass eine Geschichte, in der Menschen, die in unterschiedlichen Graden der Verwicklung an einem großen Verbrechen teilhatten und dafür ganz unterschiedslos des Nachts in ihren Betten mit der Axt erschlagen werden, jedenfalls dann in ihrer ganzen Ambivalenz erzählt und ausgehalten werden sollte, wenn sie sich als »based on a true story« ausgibt und damit kokettiert, diese Ereignisse hätten letztlich dazu geführt, eine ganze Nation zur Vernunft und damit zu sich selbst zu bringen. Dennoch lässt Parker kein Element des Kitsches aus, keine Zeitlupe, keinen Choral, kein klagendes Streichermotiv, um einen hochstilisierten Opfermythos um diesen Turner zu bauen.

Zurückhaltung?

Zwischen forcierten Momenten des Erhabenen, in denen etwa eine Vision einen Maiskolben zum Bluten bringt, und eruptiven Gewaltausbrüchen sucht Parker nach einer angemessenen ästhetischen Struktur, bis er schließlich alle Gegensätze ineinanderzwingt. Langsam fährt die Kamera da nach hinten aus einem Wald der Gehenkten, ein Traum des Grauens, der das Schreckliche auf schreckliche Weise schön macht. Und Turners Frau wachsen Engelsflügel. Vielleicht aber braucht es gar keine Zurückhaltung, wenn die Wahrnehmung von Figuren inszeniert wird. Vielleicht muss sich ein Film, der sich schon im Titel ganz offensiv als Gegenerzählung zu D.W. Griffiths gleichnamigem rassistischen Klassiker von 1915 positioniert, auch nicht um Ausgewogenheit scheren. Vielleicht tut ein solcher Film dem gruseligen Zeitgeist ganz gut, immerhin platzte dessen Rekorddeal vom letztjährigen Sundance Festival mitten hinein in eine ethnisch ausgesprochen homogene und entsprechend kritisierte »Award Season«.

Vielleicht, vielleicht, vielleicht – so sehr, wie Parkers Erzählung unter dem leidet, was der Regisseur weiß, aber nicht zeigen will, so sehr leidet er unter dem, was außer Parker niemand wissen kann. Noch immer lasten die Vorwürfe einer Vergewaltigungsklage von 1999 auf dem Filmemacher, der im Gegensatz zu seinem Koautor Jean Celestin allerdings schon in erster Instanz freigesprochen wurde. Das Opfer nahm sich 2012 das Leben, und in Parkers Drehbuch ist es ausgerechnet eine Vergewaltigung, die wesentlich zu Turners Radikalisierung beiträgt. Ein schauriger Nebel hat sich um den Film gelegt. Doch durchschreitet man ihn, findet man eine Geschichte, die versucht, alle Grautöne aus der Historie zu tilgen. ||

BIRTH OF A NATION – AUFSTAND ZUR FREIHEIT
USA 2016 | Regie, Drehbuch und Produktion: Nate Parker
Mit: Nate Parker, Armie Hammer, Mark Boone Junior u.a.
120 Minuten | Kinostart: 13. April

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