Das sagen die Götter über Kriege. Aber die Menschen lernen’s nie. »Die Troerinnen des Euripides« im Residenztheater könnten helfen.

Hekuba (Charlotte Schwab, l.) warnt vergeblich: Menelaos (Thomas Huber) giert wieder nach der schönen Helena (Juliane Köhler) | © Konrad Fersterer

Wenn Männer Krieg führen, bleiben am Ende die Frauen zurück. Oft als Beute der Sieger – vergewaltigt, verschleppt, versklavt. Darin unterscheiden sich die Schicksale von Jesidinnen in der Gewalt des IS und der von Boko Haram entführten Mädchen in Afrika nicht von denen der Überlebenden im Trojanischen Krieg. Vor 2500 Jahren schrieb der Grieche Euripides »Die Troerinnen« und konzentrierte die Situation nach der Vernichtung Trojas auf vier weibliche Perspektiven. Jean-Paul Sartre hat das Drama 1965 mit Blick auf den Algerienkrieg der Franzosen verdichtet und zugespitzt. Seine Bearbeitung »Die Troerinnen des Euripides« inszenierte Tina Lanik im Residenztheater mit aktuellen Bezügen, aber unentschlossen zwischen Tragödinnen-Pathos und greller Überzeichnung.

Euripides schrieb kein Handlungsdrama, sondern vier Frauen-Monologe. Für Hekuba, die Königin von Troja, ihre Seher-Tochter Kassandra, ihre Schwiegertochter Andromache, die den kleinen Sohn den Griechen opfern soll, und die schöne Helena, deren Amour fou mit dem trojanischen Prinzen Paris den Krieg ausgelöst hat. Alle klagen und jammern, sind aber nicht nur Opfer, sondern auch Täterinnen. Wie die übrigen Frauen Trojas warten sie auf die Verkündung ihres Loses – welchem Griechen müssen sie als Sklavin folgen?

Halbverrücktheit und Märtyrer-Fanatismus

Das enthüllt ihnen nach und nach Talthybios, der so den Entwicklungsbogen antreibt. René Dumont macht diesen hellenischen Unglücksboten zum heimlichen Star der Aufführung. Einerseits vertritt er als alterprobter Kämpfer stoisch jede kriegerische Grausamkeit, andererseits kann er Mitleid und Empathie nicht verhehlen. Wie Dumont das Mitfühlen in kleinen Gesten (eine geteilte Zigarette) zeigt, Andromaches Sohn zur Hinrichtung abholt, später dessen Leiche zurückträgt und zärtlich mit einem Mantel zudeckt – das ist leise, hochfeine, ganz großartige Schauspielkunst.

All das spielt in einem zerbombten Klassenzimmer (Bühne: Stefan Hageneier). Darin schlafen anfangs Mädchen in Schuluniformen (der Münchner Mädchenchor fungiert als antiker Frauenchor). Sie werden vertrieben, abgeführt, erscheinen später in Glitzerkleidchen mit verschmiertem Lippenstift als Zwangsnutten. Hier treffen die Frauen zu ihren großen Soli und Streitereien aufeinander. Charlotte Schwab gibt ihrer Hekuba das ganze Gewicht einer Urmutter, die immer realpolitisch nüchtern bleibt. Kassandra ist manisch berauscht von ihrer Prophetie: Sie wird Agamemnons Sippe auslöschen. Meike Droste schafft eine irrwitzige, glaubwürdige Gratwanderung zwischen Halbverrücktheit und Märtyrer-Fanatismus. Die verwöhnte Andromache (Hanna Scheibe) bezichtigt Hekuba der Schuld an allem, weil sie entgegen Götter-Befehl nicht das Baby Paris getötet habe. Barmt aber heftig und konventionell ums eigene Söhnchen. In die Schuld-Kerbe schlägt auch Helena: Juliane Köhler muss sie als Marilyn-Karikatur spielen. Sie macht kokett alles andere verantwortlich – was könne sie schon gegen die Kraft der Liebe?

Gegen die kann auch ihr Ex Menelaos nichts: Thomas Huber hängt schnell wieder gierig sabbernd an ihrem Busen.Die Götter sind hier Lachnummern: Poseidon (Joachim Nimtz) entsteigt halbnackt mit Dreizack einem Tümpel, um einen Deal mit seiner Nichte Athene (Anna Graenzer) abzuschließen. Immerhin hat er das Schlusswort: »Führt nur Krieg, ihr blöden Sterblichen. Ihr werdet dran verrecken. Alle.«

DIE TROERINNEN
Residenztheater | 15., 20. April, 12., 19. Mai| 20 Uhr
Tickets: 089 21851940