Die Tiger Lillies besingen Soho, sehr britisch, morbide und mit schwarzem Humor.

Moritaten, Mordballaden und Melancholie: The Tiger Lillies | © Daniela Matejschek

Sie sind exzentrisch, hemmungslos bösartig, unverbesserlich altmodisch und bei alledem doch nur allzu menschlich. Die Tiger Lillies aus dem Herzen Londons tragen den Geist des alten England aufs europäische Festland, just in dem Augenblick, als ihre Regierung den Austritt aus der Europäischen Union verkündet. Einen Sinn fürs Paradoxe, Antizyklische hatten sie schon immer. »Ich bin gerne gemein«, erklärt Martyn Jacques, Sänger und Akkordeonist der Tiger Lillies mit einem gewinnenden Lächeln, das sein mephistophelisches Vergnügen an der Provokation überspielt. »Natürlich werden wir oft falsch verstanden. Aber wenn wir niemandem wehtun, dann machen wir was falsch.«

Die Lieder des Trios gehören der verblichenen Gattung der Moritat an. Es sind absurde Hinterhofgeschichten über Sex mit Insekten, nächtliche Freuden auf dem Friedhof, grausige Hinrichtungen und heimliche Obsessionen. Bösartige Anekdoten bleiben an Jaques kleben wie die Fliegen am – na ja, die Tiger Lillies hätten jetzt die passende Vokabel in der Galosche. Jaques atmet durch, wo andere die Nase rümpfen. »Anfangs griff ich auf meine eigenen Eindrücke zurück. Dann wurden es immer mehr Storys, die ich mir von anderen auslieh. Jetzt habe ich endlich wieder einen Zyklus von eigenen Geschichten, und das tut mir sehr gut.«

Gemeint ist das neue Album »Cold Night In Soho«, mit dem die Tiger Lillies auf Tour gehen. Jaques liebt es, sich ins England vor 1955 zurückzuversetzen. »Damals waren die Menschen freundlicher. Ich liebe die Filme, Kleidung und Sitten jener Zeit. Das heißt aber nicht, dass ich mir die alten Zeiten zurück wünsche. Der Brexit ist das Schlimmste, was England passieren konnte. Diesen hässlichen Befürwortern trete ich liebend gern auf die Füße.« Das wird in München nicht nötig sein. Dafür ist es vielleicht hilfreich, ein paar Worte darüber zu verlieren, was Jaques der Londoner Stadtteil Soho einst und heute bedeutet. »Als ich dort als junger Mann einzog, sagten mir alle, ich bräuchte eine Versicherung gegen Einbruch. Es gab aber niemanden, der meine Wohnung versichern wollte. Heute ist es genau umgekehrt. Da wohnen nur noch Leute mit Geld. Es fühlt sich ein bisschen wie in München an.« ||

THE TIGER LILLIES
Freiheiz | Rainer-Werner-Fassbinder-Platz 1
10. April| 20 Uhr | Tickets: 089 54818181