Mit seiner gnadenlos intensiven Außenseiter-Story »Tiger Girl« erfindet Deutschlands innovativster Regisseur Jakob Lass zwar das Kino nicht neu, wohl aber ein weiteres Subgenre.

Mit ihr will man besser
keinen Stress: Ella Rumpf in »Tiger Girl«
© 2017 Constantin Film
Verleih Gmbh/ Fogma

Man spricht oft davon, dass der zweite Film der schwierigste sei. Vor allem, wenn man ein so fulminantes Regiedebüt hingelegt hat wie Jakob Lass. Da steigt die Erwartungshaltung, wird die Messlatte auf neue Rekordhöhe aufgelegt. Lass hat sich das, wenn man so will, selbst eingebrockt. Sein Erstling »Love Steaks« war überraschend, unorthodox, direkt, anders. Das sahen auch die Festivaljurys von München und Saarbrücken so und überschütteten den Film mit Auszeichnungen. Jetzt legt Lass nach, oder, treffender ausgedrückt, er schlägt wieder zu.

Wie »Love Steaks« ist auch »Tiger Girl« formal ein irrer Mix aus Improvisation, Dokumentation und klassischem Genrestück. Da kreuzen sich die Wege der dänischen »Dogma«-tiker mit jenen eines Quentin Tarantino, während sich die französischen Kollegen des Cinéma vérité ebenfalls darin wiederfinden dürften. Lass erzählt eine Außenseiterstory: Die etwas unbeholfene, ja schüchterne Maggie hat die Polizeischule nicht geschafft, also probiert sie es mit einer Ausbildung bei einer privaten Sicherheitsfirma. Draußen, auf der Straße, lernt sie Tiger kennen. Die ist selbstbewusst, stark, und immer für eine kleinkriminelle Tat gut. Maggie, die von Tiger nur Vanilla genannt wird, ist fasziniert von dem Power-Girl, sie will so sein wie sie.

Also spielt sie das Spiel mit, etwas klauen, bisschen randalieren, alles ganz harmlos. Doch dann kommt es zum Missbrauch von Macht, Vanilla findet an der Gewalt Gefallen, rücksichtslos und brutal
überschreitet sie Grenzen. Das ist zu viel, selbst für Tiger. Der Film, den die Macher selbst als »Martial Arthouse« bezeichnen, macht auf ebenso erschreckende wie deprimierende Weise deutlich, wie schmal der Grat zwischen Selbstwertgefühl und Selbstüberschätzung ist. Gleichzeitig kann man »Tiger Girl« auch als bitterböse Persiflage auf die Crime-Reality-Shows des privaten Verblödungsfernsehens interpretieren. Fakt ist, dass Lass seinem ureigenen Stil absolut treu geblieben ist und er mit Maria Dragus als Vanilla und Ella Rumpf als Tiger zwei wahre Schauspieljuwele zu exorbitanten Performances getrieben hat. ||

TIGER GIRL
Deutschland 2016 | Regie: Jakob Lass | Mit: Ella
Rumpf, Maria Dragus, Enno Trebs | 91 Minuten
seit 6. April im Kino
Trailer