Dagmar Wagners Film »Ü100« ist ein kluger und unaufgeregter Beitrag zum Thema Hochaltrigkeit. Die Dokumentarfilmerin lässt darin acht Protagonisten – alle über hundert Jahre alt – zu Wort kommen und schafft so ein realistisches und doch entspanntes Bild vom Älterwerden. Wir sprachen mit der Regisseurin über ihre Erfahrungen bei den Dreharbeiten.

Ruja Diebold in »Ü100« | © picshotfilm

Frau Wagner, ist Ihr Film ein Gegenentwurf zu geläufigen Vorstellungen vom Altern?
In der Regel sind die Bilder vom Alter negativ gefärbt. Es ist falsch zu denken, dass diese Menschen, obwohl sie extrem eingeschränkt sind, nur noch dumpf vor sich hin leben. Ich war selbst überrascht, welch eine reiche Gefühlswelt und starke innere Lebendigkeit noch alle haben. Wenn der Film auch nur ein bisschen die Vorurteile eindämmen kann, würde ich mich freuen – auch wenn die Hundertjährigen natürlich ein Extrembeispiel sind.

Sie haben mit der Arbeit ja schon vor einigen Jahren begonnen.
2013 habe ich angefangen zu drehen. Im Mai 2014 war die Kurzversion fertig, die ein Überraschungserfolg auf dem Fünf-Seen-Filmfestival war. Ich bin Matthias Helwig heute noch unendlich dankbar, dass er es wagte, ihn zu zeigen. Er war sich selbst unsicher, wie der Film aufgenommen würde, aber das Thema fand er sehr wichtig. 2015 habe ich dann mit der letzten Dame gedreht, die im Film Klavier spielt.

Dagmar Wagner | © Dagmar Wagner

Sie haben Ihre Protagonisten auch mit Annoncen gesucht. Haben sich schnell Interessierte gemeldet?
Sofort!

Und waren sie auch gleich so gesprächig, wie man es im Film sieht?
Ja, das hat auch damit zu tun, dass sie dankbar für das Interesse sind. Es hat wunderbar geklappt und war immer sehr lustig.

Im Film sieht man aber auch die Gebrechen. War es ihnen nicht unangenehm, so gezeigt zu werden?
Überhaupt nicht. Es ist eine große psychologische Stärke, damit so offen umzugehen. Man sieht ja wie eine der Frauen – Gerda – sich in einer Szene von Stuhl zu Stuhl hangeln muss. Aber sie sagt: »Ich bin alt, und das ist mein Gebrechen. Jetzt geht es eben so!« Viele, die Angst vor dem Alter haben, könnten sich hier eine Scheibe abschneiden.

Was im Film auch vorkommt, ist die Bestimmung des Lebens durch das Schicksal. Ist das eine spezielle Sicht dieser Generation?
Eine gute Frage, diese Menschen haben ja auch zwei Weltkriege miterlebt. Wie im Film gesagt wird: »Man muss schauen, dass man zurechtkommt«. Was man dann daraus macht, liegt in der eigenen Hand. Ich würde mich aber nicht trauen, die Frage final zu beantworten.

Wie sahen denn die Dreharbeiten bei den Protagonisten aus?
Ich und mein Kameramann Thomas Beckmann waren immer zu zweit. Die Dreharbeiten gingen dann stundenweise, man kann nicht einen ganzen Tag mit älteren Menschen arbeiten. Ich wollte erst sehen, ob eine solche Gesprächssituation auf Film interessant ist, und dann nach Geldern suchen. Am Anfang sollte es auch nur ein 15-minütiger Trailer werden. Aber als ich dann mit meinem Schnittkonzept beim Cutter war, hatten wir bald 53 Minuten zusammen. Alles ging völlig ungeplant und ohne Druck. Der Dreh war fast schon tiefenentspannt. Einmal war ein Koproduzent interessiert. Da ging es aber sofort los: »Wir brauchen eine Person die … und eine die … « Ich hätte dann auswählen müssen. Am Ende eines langen Lebens jemandem zu sagen »Sie passen nicht in den Film«, das ist nicht mein Ding.

Es wirkt dann auch sehr schnell gestellt.
Wenn wir zu einer Person gefahren sind, wussten wir auch gar nicht, wie es ihr geht. Wenn sie sich nicht gut gefühlt hätte, wären wir ein anderes Mal wiedergekommen. Das war völlig selbstverständlich.

Was bedeutet denn für Sie der schwammige Begriff »in Würde altern«?
Anstatt einem Jungend- oder Schönheitswahn hinterherzurennen, ist es vernünftig, das Altsein einzubringen und dazu zu stehen. Man kann sowieso nichts ändern. In einem Satz habe ich da gar keine kurze Antwort parat, aber es ist würdelos, ständig gegen das Altern anzugehen. Denn wenn wir ehrlich sind: Es ist auch ein bisschen dumm. ||

Ü100
Dokumentarfilm | Deutschland 2016 | Regie: Dagmar Wagner
83 Minuten | Kinostart: 6. April
Trailer