Als Waffe gegen Armut, Rassismus und soziales Unrecht wählte Gordon Parks die Kamera. Das Kunstfoyer zeigt eine fulminante Werkschau des afroamerikanischen Pioniers und Alleskönners.

»American Gothic«, Washington, D.C. (1942)|| © Photographs by Gordon Parks. Courtesy of and copyright The Gordon Parks Foundation

Es gibt den farbigen Mauritius, das ist der Schutzheilige der Krieger und Waffenschmiede. Und dann hat sich im neunten Jahrhundert noch einer der Drei Könige aus dem Morgenland in einen Schwarzen verwandelt. Ansonsten werden in den Personalakten der Kunstgeschichte unzählige weiße Heroen geführt – bis der New Yorker Kehinde Wiley um die Jahrtausendwende damit begann, den Spieß plakativ umzudrehen. Also die bedeutenden Bleichgesichter der großen Museen kurzerhand durch Afroamerikaner zu ersetzen. Da galoppiert dann ein dunkler Napoleon in der Manier Jacques-Louis Davids über die Alpen, und der King of Pop Michael Jackson posiert – frei nach Rubens – im Habitus Philipps II. von Spanien. Der Kunstmarkt giert nach den Werken des bald 40-jährigen Mister Bombastic der Malerei, dieser Weiß-Schwarz-Tausch wird amüsiert betrachtet.

Vor 75 Jahren hat Vergleichbares eine Putzfrau den Job gekostet. Ella Watson war allerdings nicht als Dame von höherem Stand verewigt, sondern mit ihren alltäglichen Insignien Besen und Wischmopp und – ein Affront – vor der US-Flagge. Doch noch schlimmer: Sie erinnerte sofort an Grant Woods Gemälde »American Gothic« (1930), auf dem ein säuerlich puritanisches Farmerehepaar den Pioniergeist repräsentiert. Diese Kunst-Ikone der Vereinigten Staaten ist von Spott sicher nicht frei, stattdessen aber eine Schwarze in just diese Bildkonstellation zu setzen, war 1942 ein Skandal. Regierungsputzfrau Mrs. Watson durfte ihre Papiere abholen, der Fotograf Gordon Parks wurde durch diesen Wurf weltberühmt.

Nun ist sein ungemein vielseitiges Werk im Kunstfoyer der Versicherungskammer zu sehen. Und man wundert sich in einer Tour, dass dieser Alleskönner trotz eines viel bejubelten Auftritts 1966 auf der Photokina und 1977 dann sogar auf der Documenta gerade in Deutschland viel zu wenig Beachtung gefunden hat. Ihm sind wahrscheinlich die eindringlichsten Aufnahmen Muhammad Alis geglückt. Jeder kennt dieses ernste Gesicht, den ins Ungewisse gerichteten Blick, die Schweißtropfen, die man auf der eigenen Haut zu fühlen meint. Parks hat das Großmaul von einer ganz anderen, zarten, ja verletzlichen Seite gezeigt. Aber wie das eben so ist, selbst die besten Fotografen verschwinden hinter dem Leuchtkegel der Superstars.

Bekannt geworden ist Parks freilich auch mit Brisanterem. Er hat die Rassentrennung thematisiert, die Ausgrenzung, das Elend in den Ghettos. Und um gleich ein Missverständnis auszuräumen: Parks wollte die schwarze Putzfrau keineswegs in Schwierigkeiten bringen. Im Gegenteil. Ella, die mit ihrem miserabel bezahlten Job eine mehrköpfige Familie über Wasser halten musste, war für ihn eine wahre Heldin. Das wollte er zeigen, genau hier begann seine Mission: Die Kamera wurde zur Waffe im Kampf für die Gleichberechtigung.

In jede dunkle Ecke

Als jüngstes von 15 Kindern eines farbigen Arbeiters wusste Parks nur zu gut, was es bedeutet, im Alltag ständigen Demütigungen ausgesetzt zu sein. Also den Hintereingang nehmen zu müssen, die Toilette »for colored only« und sowieso immer die schlechten Plätze, sofern es überhaupt welche gab. Und Parks, der 1912 in einer Kleinstadt in Kansas zur Welt kam, wurde auch sonst nichts geschenkt. Die Mutter stirbt früh, da ist er gerade 15, und damit endet die eh schon schwere Kindheit. Ohne Abschluss hangelt er sich durch, arbeitet tagsüber als Laufbursche und Schaffner und spielt nachts in einer Bordellbar Klavier. In einer Illustrierten, die ein Fahrgast im Zug liegen lässt, sieht er Aufnahmen von Wanderarbeitern und spürt sofort die Kraft, die in diesen Bildern steckt. Parks kauft sich 1938 in einem Pfandhaus die erste Kamera, und es dauert nicht lange, bis das Können dieses Autodidakten entdeckt wird.

Die Farm Security Administration (FSA) in Washington engagiert ihn Mitte der 1930er Jahre für ein typisches Projekt der Roosevelt-Ära: Die amerikanische Bevölkerung soll über das harte Leben der armen Landbevölkerung und die sozialen Ungerechtigkeiten aufgeklärt werden. Und Parks, der einzige Schwarze im Team, ist von Anfang an in künstlerisch anspruchsvoller Gesellschaft, denn für die FSA sind auch Dorothea Lange und Walker Evans unterwegs. Dieses Thematisieren von Missständen wird sein Markenzeichen, er traut sich in jede dunkle Ecke, das macht ihn auch für das »Life«-Magazin zum interessanten Vermittler. Unzählige Bilderstrecken entstehen, Parks ist der erste Afroamerikaner, der für das millionenfach verbreitete Heft fotografiert. Dass er seine Reportagen nicht im schwarzen Pendant »Ebony« veröffentlicht, bringt ihm einige Kritik ein. Erst recht fühlen sich seine Kollegen der »Colored Community« von ihm verraten, weil er weiße Models in sündteuren Haute-Couture-Roben ablichtet. Natürlich gerät ihm auch das ziemlich gut, und wenn er hinter einer kühlen Pelzträgerin einen Eisbären sich aufbäumen lässt, hat das sogar Witz. Aber man spürt, dass es den mit tiefer Empathie ausgestatteten Parks weder fordert noch besonders reizt.

Von Harlem nach Hollywood

Dagegen blüht sein kämpferischer Geist auf, wenn er in den Elendsvierteln unterwegs ist. Und die »Life«-Redakteure sind nicht zimperlich. Auf diese Weise landen die Obdachlosen von Harlem, die Opfer blutiger Bandenkriege und dahinsiechende Junkies auf den Küchentischen und Sofas eines vornehmlich weißen Millionenpublikums. Unterm Strich hat Parks damit deutlich mehr für die Underdogs und gegen den Rassismus getan, als es damals über jedes andere Medium möglich gewesen wäre. Und er ist ja dabei, wenn es um die großen Momente der Bürgerrechtsbewegung geht: wenn Martin Luther King von seinem Traum spricht und der deutlich radikalere Malcolm X mit schwarzen Muslimen betet. Immer steht er in nächster Nähe – entsprechend dramatisch sind die Ausschnitte.

Doch es bleibt die journalistische wie künstlerische Distanz. Das macht auch die Qualität seiner Porträts aus. Ob er nun die leise Melancholie eines Duke Ellington einfängt oder die scheue Ingrid
Bergmann, ob die schamvollen Blicke eines schwarzen Buben mit rotem Kinder-Cowboyhut oder Alexander Calder, der verzweifelt eins seiner fragilen Mobiles einrichtet. Alles scheint dem charmanten Mann mit dem außergewöhnlichen Einfühlungsvermögen zu gelingen. Er schreibt autobiografische Romane, komponiert und gründet 1970 das Lifestylemagazin »Essence«. Auch ein Händchen für den Film hat er: Als erster Afroamerikaner führt er 1969 in Hollywood Regie – bei der Adaption seines Romans »The Learning Tree« – und landet dann mit »Shaft« 1971 einen genreprägenden Kassenhit. Und das, obwohl Parks den weißen Ermittler der Vorlage in den ersten schwarzen Krimihelden verwandelt.

Das Fotografieren? Rückt mehr und mehr aus dem Fokus. Parks hat immer gewusst, wenn eine Sache nicht mehr so recht zündet. Dass die späten süßlichen Damenakte von der Foundation unter Verschluss gehalten werden, ist leicht zu verschmerzen. Das Multitalent, das 2006 mit 93 Jahren starb, hat ja alles erreicht. ||

GORDON PARKS. I AM YOU. SELECTED WORKS
Kunstfoyer der Versicherungskammer Kulturstiftung | Maximilianstr. 53 | bis 7. Mai tägl. 9–19 Uhr | Eintritt frei | Der reich bebilderte Katalog (288 S., Steidl Verlag) kostet 35 Euro
Führungen (gratis, ohne Anmeldung, je eine Std.): Freitag (7./28. April, 5. Mai) 18 Uhr, Samstag und Sonntag (11./12. März, 8./9./29./30. April, 6./7. Mai)12, 15 und 17 Uhr