Mit »I Am Not Your Negro« inszeniert Raoul Peck einen eindringlichen Filmessay über die Emanzipation der Schwarzen in den USA. Anhand eines unveröffentlichten Manuskripts von James Baldwin spürt der Regisseur dabei den Wurzeln des Rassismus nach.

In der Mitte mit Sonnenbrille: Der US- Autor James Baldwin. Ruhm über die Grenzen Amerikas hinaus bescherten ihm u. a. seine Arbeiten »Notes of a Native Son« und »Nobody Knows My Name« | © Salzgeber & Co. Medien GmbH

Als Regisseur Raoul Peck in James Baldwins Nachlass recherchiert, stößt er auf dessen unveröffentlichtes Manuskript »Remember This House«. Es sind Baldwins letzte, fragmentarische Aufzeichnungen, die Quintessenz seiner humanistischen Agenda gegen die Segregation in den USA. Baldwin, der literarische Vordenker der schwarzen Bürgerrechtsbewegung, unternimmt dabei den Versuch, durch eine sehr persönliche, aber auch ideologiekritische Annäherung an seine drei ermordeten Aktivistenfreunde Malcolm X, Martin Luther King und Medgar Evers das Sisyphosschicksal der Schwarzen in den Vereinigten Staaten offenzulegen. Die Geschichte der USA, so seine ernüchternde These, ist die Geschichte der Schwarzen in den USA.

Unter dem Titel »I Am Not Your Negro« hat Raoul Peck Baldwins Text als einen gleichermaßen klugen wie eindringlichen Filmessay inszeniert und sich dabei dessen permanenten Rekurs auf die amerikanische Popkultur zu eigen gemacht. So setzt Peck Archivaufnahmen der Bürgerrechtsbewegung in Bezug zu kardinalen Filmszenen, die die verschiedenen As pekte und Grade der langen Historie des Rassismus im Hollywoodkino illustrieren. Warum ist der Cowboy John Wayne ein Nationalheld, ein Schwarzer mit Waffe dagegen per se ein Krimineller? Die Leinwand verdeutlicht diese Widersprüche, sie ist für Baldwin Spiegel der Gesellschaft, ihrer Ängste und ihrer Verhaltensmuster.

In lose strukturierten Exkursen reflektiert »I Am Not Your Negro« Rassismus als einen diffizilen, sozialpsychologischen Nexus des Hasses, tief verwurzelt in einer über Jahrhunderte gewachsenen Grunddynamik aus Schrecken und Wut. Baldwins kritische Diskussion umschließt dabei auch die diametralen Lösungsansätze von King, Malcom X und Evers. Für ihn stehen sowohl Gewaltanwendung als auch Pazifismus als Ideologien unter Generalverdacht. Peck macht dieses dialektische Moment in Baldwins Denken stark und erhebt es zum narrativen Prinzip. Entsprechend hören wir in »I Am Not Your Negro« zwei Stimmen Baldwins. Einmal das Original der Archivaufnahmen, den jungen, eleganten Baldwin, der im Anzug vor Studenten oder in Talkshows referiert. Dann das lyrische Ich des Textes, den wütenden, politisierten Baldwin, gesprochen von Samuel L. Jackson. Sein Ton ist rauer, dringlicher, cooler. Die Eleganz ist der Street-Credibility gewichen. Mit dieser Dopplung aktualisiert »I Am Not Your Negro« den historischen Baldwin für die aktuellen Ereignisse in Ferguson, zeigt auch, dass Rassismus einen steten Kampf gegen die Machtmechanismen in unseren Köpfen erfordert. ||

I AM NOT YOUR NEGRO
Frankreich/USA/Belgien/Schweiz 2016 | Regie: Raoul Peck | Mit: James Baldwin, Samuel L. Jackson (Erzähler) u. a. | 93 Minuten
Kinostart: 30. März
Trailer