In Paolo Sorrentinos Miniserie »The Young Pope« brechen neue Zeiten im Vatikan an. Denn der frisch gewählte Pontifex, gespielt von einem brillanten Jude Law, ist ein Typ von der rabiaten Sorte.

: In Paolo Sorrentinos »The Young Pope«
tritt ein unverbesserlicher Hardliner (Jude Law) das Amt des Pontifex an | © Polyband

Paolo Sorrentino verkörpert derzeit selbst gerade so etwas wie das neapolitanische Kinowunder: Zuerst der Cannes-Hit »Il Divo« (2008), dann ein Oscar, ein Golden Globe und vier europäische Filmpreise für »La Grande Belezza – Die große Schönheit« (2013) und zuletzt der internationale Kinoerfolg »Ewige Jugend – Youth« (2015), der erneut breit, zuweilen auch stark ambivalent, diskutiert wurde und trotzdem – oder gerade deshalb? – erneut vielfach prämiert wurde. Seit Jahren fliegen ihm die Herzen vieler Cineasten zu und nun auch die dicken Banknoten: Im Auftrag von Sky, HBO und Canal+ durfte er sich mit einer Art Carte blanche eine Serie über die Geschichte des ersten, natürlich fiktiven US-amerikanischen Papstes namens Lenny Belardo (Jude Law) aka Pius III. erdichten.

Anders würde es bei Sorrentino auch gar nicht gehen: Schließlich versteht sich der aktuelle Wunderheiler des italienischen Films dezidiert »als Poet des Kinos«. Die ersten beiden Folgen dieser prestigeträchtigen zehnteiligen Miniserie – allein der voluminöse Cast ziert sich mit Schauspielgrößen wie Diane Keaton, James Cromwell, Ludivigne Sagnier, Silvio Orlando, Cécile de France oder Javier Cámara – wurden bereits im vergangenen September bei den Filmfestspielen von Venedig präsentiert. Und kurz darauf konnten sich die deutschen Sky-Abonnenten ein Bild von diesem wahrhaft göttlichen Format machen. Erzählte Wahrheiten, erträumte Lügen wäre ein passender Alternativtitel zu »The Young Pope« gewesen, den Polyband nun auf Blu-ray veröffentlicht.

Trump im Papst-Pelz

Der namensgebende, überaus adrette Neuling in den berühmtesten roten Schuhen dieser Erde entpuppt sich dabei in Sorrentinos reich gewürzter »House of Cards«-Variante im Vatikanstaat innerhalb kürzester Zeit als ein im Herzen rabiater, tolldreister Emporkömmling, der am liebsten in zügelloser Donald-Trump-Manier die jahrhundertealten Mauern des Vatikans erzittern lässt. Jude Law, der in seiner Schauspielerkarriere nie besser war, verkörpert diesen alles andere als gewöhnlichen Pontifex mit einer derartigen Spielfreude, dass man ihm auch manches Overacting verzeiht. Denn so gewieft, so abgründig, so narzisstisch hat man den arrivierten, aber im Grunde selten wirklich glänzenden Hollywoodstar in der Tat noch nie gesehen: Ist er in Wahrheit doch ein Suchender? Oder gar ein vom Glauben Abtrünniger? Oder innerlich doch ein erzkonservativer Kirchenreaktionär – bloß mit Model-Visage?

Gleich in seiner ersten Rede geht er auf kirchenintern besonders heiße Eisen wie Masturbation, Abtreibung und Homo-Ehe ein – und zwar durchwegs positiv! Das ist beileibe nicht die letzte Überraschung in »The Young Pope«, ganz im Gegenteil: Dass Luca Bigazzi, Sorrentinos Stammkameramann, einen Hang zu Drastik, Slapstick, Groteske wie Fantastik hat, ist bekannt. Wer das exaltierte Œuvre des italienischen Kreativduos kennt, weiß, dass hier selten etwas aus-, nein noch viel lieber, ständig etwas dazuerzählt wird: im Geiste der europäischen Surrealisten, versteht sich, wie in der fellinesken Vorliebe für absurde Clowns und schräge Typen.

Kängurus und Cherry Coke

Auch in ihrer ersten Serienarbeit schwelgen beide in gewohnt überzuckerten, aber hochfaszinierenden Bildarrangements, die man nur lieben – oder ablehnen – kann. So markant ist mittlerweile schon ihr gemeinsamer Stil, der zudem mit einem glänzenden, abermals zwischen Elektro und Klassik changierendem Musik-Score punktet. Außerdem leben in Sorrentinos ganz eigener Welt-der-Wunder-Fernsehwelt Kängurus und Schildkröten wie selbstverständlich in den vatikanischen Gärten, daneben kicken sich wild gewordene Nonnen in Zeitlupe den Lederball zu. Und bereits in der ersten Einstellung kriecht der titelgebende Neuling im Amt unter einer Pyramide von – festhalten – Säuglingen hervor! Im Anschluss springt der extravagante Gottesstaat-Rookie unter die Dusche – und Jude Law zeigt ungeniert seinen Allerwertesten. Danach möchte jener leicht unkonventionelle Gottesvertreter auf Erden nur noch eines: »eine Cherry Coke Zero« – und der Zuschauer: immer mehr. ||

THE YOUNG POPE
Italien, Spanien, Frankreich 2016 | Regie und Drehbuch: Paolo Sorrentino | Mit: Jude Law, Diane Keaton, James Cromwell, Ludivigne Sagnier, Silvio Orlando | 10 Episoden mit 544 Minuten Spielzeit | erhältlich als DVD und Blu-ray sowie abrufbar bei Sky
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