Kann man zu viel Glück haben? Die Sängerin Judith Holofernes traut dem Frieden nicht.

Judith Holofernes © Veranstalter

Du bezeichnest dich ausdrücklich als Optimistin, bist nach den Jahren mit »Wir sind Helden« auch solo erfolgreich. Andererseits geht es in den Lyrics deiner neuen CD »Ich bin das Chaos« um ein ganz großes Misstrauen gegenüber dem Glück. Das »kommt und entzückt dich, dann geht es und knickt dich«.
Mir ist aufgefallen, dass ich in ständiger Erwartung von Monty Pythons 16-Tonnen-Gewicht lebe. Berufsbegleitend schau ich mir das näher an und denk mir: Huch, was ist denn da los? Ich bin nicht mit dem Bild eines strafenden Gottes aufgewachsen. Und ich hab in meinem Leben zwar auch viel Schwieriges erfahren, aber vor allem sehr viel Glück. Warum also denke ich immer, ich müsste im Sinne einer »ausgleichenden Ungerechtigkeit« quasi auf meinen Platz im Leben zurückverwiesen werden, damit die Bilanz irgendwie stimmt? Ich weiß nicht, ob das nun so eine Art »First World Malaise« ist oder eine preußische Prägung.

Wer so klar erwartet, dass ihm früher oder später eine Art Strafe des Schicksals blüht, und sich fragt, ob man sich nicht besser »vorgrämen« sollte, ist der nicht vor allem Pessimist?
Ich habe definitiv zwei Seiten in mir. Gott sei Dank kann ich mich in meinen Songs über beide lustig machen. Wenn es bei »Unverschämtes Glück« heißt, »Haste schon mal vorgeleidet, biste besser vorbereitet«, dann nehme ich das soo ernst nun auch wieder nicht. Der Chor kommentiert das ja mit »Ich muss doch bitten: vorgelitten«.

Du reimst gerne, nicht nur in deiner Tiergedichtsammlung »Du bellst vor dem falschen Baum« von 2015. Würdest du für einen guten Reim jede ursprüngliche Songidee über den Haufen werfen?
Reime oder Gags ziehen mich häufig in eine Richtung, die ich so nicht geplant hatte. Und ich habe das Gefühl, dass mich das näher in Richtung irgendeiner Wahrheit führt, als wenn ich alles bewusst gesteuert hätte. Aber meine Großmutter dafür verkaufen, so was kam höchstens vor, als ich Anfang 20 war.

Deine Stimme klingt auch Ende 30 noch erstaunlich mädchenhaft.
Ja, ich kann irgendwie nicht anders. Bei »Ich bin das Chaos« hatte ich schon den Wunsch, mich stimmlich weiterzuentwickeln. Bei einigen Songs hat das ganz gut geklappt, aber es gibt auch Momente, in denen es mich frustriert, dass ich so unschuldig klinge. Wenn ich zum Beispiel beim Schreiben denke: »Bei diesem Song bin ich ein wilder Rocker mit Reibeisenstimme.« Und dann hör ich mir die Aufnahme an und finde: Das bin doch wieder nur ich.

Aber sonst musikalisch zufrieden?
Ich bin zwar inzwischen auch Musikerin, aber eigentlich doch immer mehr Fan gewesen.

Wie darf man das verstehen?
Ich bin sehr eklektisch, getrieben von Sachen, die ich toll finde und dann auch selber machen will: Eigenes mit vielen Anleihen, das kann Groovepunk sein oder auch 60er-JahreSoulschemata.

Punk? Über die Arbeit im Studio hast du gesagt: »Wir haben an subtilen Sachen gearbeitet, die eigentlich kein Mensch hört.«
Stimmt. Und wir werden zu sechst unterwegs sein, mit mehreren Multiinstrumentalisten. Orchester haben wir zwangsläufig keines dabei, aber schon im Studio sollten sich die Streicher und Bläser etwas nach Schlagseite anhören. Live dürfte das auf der noch etwas schrägeren Seite landen. Was mich sehr freut, ist, dass wir für die Backing-Vocals, die mir sehr wichtig sind, diesmal zwei Frauen mit Engelsstimmen dabei haben werden.

Wenn ihr auf Tour geht, ist das Album gerade erst erschienen. Deine Fans singen gerne mit. Das könnte Probleme geben, weil viele die Songs noch gar nicht kennen.
Ja, die Tour kommt total früh. Ich habe schon überlegt, ob ich Textblätter austeilen muss. Wenn ich es schaffe, will ich im Internet noch Filme posten, in denen ich mit den Leuten Refrains übe.

Wird es auch Helden-Songs zu hören geben?
Bestimmt, aber nicht viele und vor allem keine Singles. Die sind mir zu stark Heldenbesetzt. Das wäre so, als ginge man mit dem neuen Freund auf die alte Bank zum Händchenhalten. ||

JUDITH HOLOFERNES
Muffathalle | 18. März| 20.30 Uhr
Tickets: 089 54818181