Rainer Werner Fassbinders sozialrevolutionäre Miniserie »Acht Stunden sind kein Tag« ist nach 20 Jahren erstmals wieder zu sehen.

Der Aufsässige: Gottfried John in Rainer Werner Fassbinders »Acht Stunden sind kein Tag« | © Studiocanal

Die Floskel »Acht Stunden sind kein Tag« ist längst in die Alltagssprache eingegangen, die deutsche Band Jetzt! widmete Fassbinders legendärem TV-Experiment im WDR (1972/73) in den 1980ern einen ganzen Song – und der Berliner Theaterzampano René Pollesch zitiert seit Jahren in vielen seiner Inszenierungen fleißig aus den Dialogen dieser lange, lange Zeit verschollenen Miniserie. Schlingensief liebte sie, viele Feuilletonisten hassten sie. Kein Zweifel: »Acht Stunden sind kein Tag« hatte schon seit der Erstausstrahlung genau das erreicht, was Rainer Werner Fassbinder mit ihr auch bezwecken wollte: aufzuregen – und einen Diskurs zu entfachen über »Bewusstseinslockerung« (RWF).

Dank aufwendiger Digitalrestaurierung durch die Rainer Werner Fassbinder Foundation und mithilfe vieler Unterstützer (z. B. ARRI oder das New Yorker Museum of Modern Art) kann sich nun – nach der Weltpremiere im Rahmen der diesjährigen Berlinale – bald auch jedermann wieder zu Hause ein eigenes Bild von Fassbinders Sichtweise auf das deutsche Arbeitermilieu machen – und »Acht Stunden sind kein Tag« sehen. Was im ersten Moment wenig spektakulär klingt, ist tatsächlich nichts Geringeres als eine Sensation, nachdem das 16-mm-Material seit der TV-Uraufführung in den Archiven des WDR vor sich hin moderte und Fassbinders famoses Serienexperiment seit nunmehr 20 Jahren nicht mehr öffentlich aufgeführt werden konnte.

Nachts beim Essiggurkenautomaten

Aufgrund ungeklärter Auswertungsrechte und teilweise immens kostspieliger Musikrechte (u. a für einen Janis-Joplin-Titel) schien »Acht Stunden sind kein Tag« nicht nur in den Augen vieler Fassbinderianer prinzipiell für immer verloren zu sein. Umso schöner ist es jetzt, Ex-UFA-Star Luise Ullrich wieder als goldige Anarcho-Oma und antiautoritäre Kindergartengründerin erleben zu können und Hanna Schygulla als Angestellten-Fee Marion durchs Büro schweben zu sehen. Oder den Werdegang Gottfried Johns als gleichermaßen geschickten wie aufmüpfigen Werkzeugmacher Jochen mit JeanPaul-Belmondo-Blick von Neuem mitzugehen, der der Werksleitung die Stirn bietet und Hanna Schygulla – unvergessen – nachts beim Essiggurkenautomaten kennenlernt und sie in der ersten und besten Folge »Jochen und Marion« als Überraschungsgast zum 60. Geburtstag seiner Oma mitbringt.

Gespickt mit grandiosen Kurzauftritten einiger Fassbinder-Stars wie Walter Sedlmayr als frisch gebackenem Witwer (»So, und jetzt möchte ich Hühner züchten!«) oder Kurt Raab als kotzbrockigem »Warum läuft Herr R. Amok?«-Wiedergänger Harald und dank vorzüglicher Kameraarbeit in zwei Farblooks (Dietrich Lohmann), wirkt Fassbinders frühes Wutbürger-Fernsehen von damals heute ungemein erfrischend – und keineswegs verstaubt. Alleine Irm Hermanns Bürotiraden als ungestüm-abfällige Spießerin (»Er ist doch nur ein Arbeiter«) mit dem klingenden Namen »Fräulein Erlkönig« lohnen jede Sekunde.

Schade nur, dass Fassbinders sozialrevolutionäre Familienserie für »die kleinen Leute« nie fortgesetzt wurde. Schon nach fünf Folgen – und trotz gigantischer Einschaltquoten – drehte der erboste WDR-Intendant diesem ursprünglich auf zehn Folgen ausgelegten Format den Geldhahn zu. Plötzlich zeigten die vorher so anheimelnden Fernsehspielmacher um Günter Rohrbach und Peter Märtesheimer dem Münchner Wunderkindl die kalte Schulter, obwohl der schon die nächsten drei Folgen geschrieben hatte. Im Umkehrschluss musste der Regieberserker, der zu dieser Zeit zum ersten Mal mit viel Budget (1,3 Millionen DM) im großen Apparat einer Fernsehanstalt (105 Drehtage) arbeiten konnte, ironischerweise für sich selbst lernen, dass er eben genau dort der Arbeit anderer ausgeliefert war. ||

ACHT STUNDEN SIND KEIN TAG
Deutschland 1972/73 | Regie und Drehbuch: Rainer Werner Fassbinder | Mit: Gottfried John, Hanna Schygulla, Irm Hermann | 478 Minuten
ab sofort im Handel erhältlich: Blu-Ray 27,99 Euro, DVD 24,99 Euro