Verrückte Dinosaurier, kühn gefasste Steine und Kragenschmuck – Anfang März gibt es in der Landeshauptstadt wieder Schmuck von Weltklasse zu sehen.

Marion Delarue: »Feng Huang«, Kragenschmuck | 2016 | Reispapiermaché, Silber, Stahl, Kranich-,
Hühner-, Enten-, Pfauen-, Fasanenfedern,
11 x 7 x 0,3 cm | © Marion Delarue

Schmiegsam soll er sein, der Schmuck. Dekorativ, zur Verschönerung des Trägers beitragend und natürlich repräsentativ. Schmiegsame Zierarten, die sich der menschlichen Gestalt anpassen, so zumindest der Wortlaut des Grimm’schen Wörterbuchs. Doch diese Definition fasst nicht die neueste Spielart dieses Kunsthandwerks, nämlich die des Autorenschmucks. Es ist der Schmuck, der sich über die Grenzen der Tragbarkeit und der gewohnten Materialien hinwegsetzt und so von einem Gebrauchsobjekt zu einem Miniatur-Kunstwerk wird.

Genau diese Art von Schmuck findet man in der Woche vom 8. bis zum 14. März überall in München. Und zwar anlässlich der Sonderschau SCHMUCK im Rahmen der Internationalen Handwerksmesse. Die Präsentationen dort in Halle B1 begleitet ein buntes Programm von über 49 Veranstaltungen in der Stadt. Wie für den Autorenschmuck, der oft auch als »Anti-Schmuck«, »autonomer Schmuck« oder »Modern Jewellery« bezeichnet wird, üblich, steht nicht das traditionelle Handwerk und auch nicht der Materialwert im Mittelpunkt. Es geht um nichts Geringeres als die Freiheit der Kunst und das kritische Hinterfragen des Materialcharakters. So könnte zumindest die Antwort auf die Frage »Und so etwas soll Schmuck sein?« lauten.

Spielzeug und »hässlicher Schmuck«

Ein Beispiel für so ein Potpourri aus Materialien ist die Brosche von Felieke van der Leest namens »Lunatitia Velociraptorina«. Ein verrückter Dinosaurier also und genau so sieht er aus: Ein Dinosaurierkopf steckt in einer kleinen gehäkelten, rosa Zwangsjacke. Seine Augen funkeln wild, es sind Zirconia. Unten schließt die Brosche wie ein gerüschtes Tütü ab, in dem ein Eisstiel steckt. Ein typischer Mix aus Trash trouvées. Die Niederländerin van der Leest sagt selbst über ihre Arbeiten:
»When I am working with toys, I feel like a child.« Wobei das Unkundige täuscht, wenn man bedenkt, dass die Künstlerin zu den Etablierten der Autorenschmuck-Szene gehört.

Karl Fritsch, ehemaliger Schüler von Otto Künzli, dem Professor für Schmuck und Gerät an der Münchner Kunstakademie, der 1980 mit »Letzte Arbeit in Gold – Gold macht blind« den Wert des Edelmetalls gewitzt in Frage stellte, bedient sich einer ebenso radikalen Formsprache. Auch wenn Fritsch im Gegensatz zu der Niederländerin mehr auf Materialwert setzt, zeichnet beide doch eine eindeutige Handschrift aus. Fast schon verachtend durchbohrt der Allgäuer Perlen und teure Edelsteine. Diamanten verschwinden beinahe gänzlich in ihrer Fassung. Und auch auf der diesjährigen Sonderschau stellt Fritsch Ringe aus, die die traditionelle Art des Steinfassens aufweichen – gewohnt rebellisch und unkonventionell. Früher sagte er einmal, er wolle »hässlichen Schmuck« machen. Glücklicherweise gelingt ihm das immer noch nicht.

Verbeugung vor Renate Heintze und Manfred Bischoff

Wen es indes nach Unbekanntem dürstet, dem dürfte der gefiederte Kragenschmuck der Französin Marion Delarue gefallen, bei dem sie chinesische Handwerkskunst neu interpretiert. Dass die junge Französin mit dabei ist, ist dem Auswahlverfahren von Cornelie Holzach zu verdanken. Die Direktorin des Schmuckmuseums in Pforzheim wählte als diesjährige Kuratorin der Sonderschau SCHMUCK nach Fotografien aus. So ergab sich die Chance, dass ein relativ unbekannter Newcomer neben den alten Hasen des Autorenschmucks in der Vitrine ausgestellt wird. Das macht den Reiz der Schau aus, betont Wolfgang Lösche vom Team der Handwerkskammer, die traditionell die Sonderschau organisiert. Jedes Jahr wird unter dem Label »Klassiker der Moderne« ein markantes Lebenswerk gewürdigt, diesmal Renate Heintze (1936–1991), die Begründerin der Autorenschmuck-Bewegung in der DDR.

Und wer sehen möchte, wie die Künstler solche Miniatur-Kunstwerke entwickeln, dem sei die Ausstellung »Private Confessions« bis 7. Mai in der Villa Stuck empfohlen (Eröffnung: 9. März, 19 Uhr). Skizzen und Zeichnungen von zahlreichen Koryphäen des Autorenschmucks wie etwa Annamaria Zanella, Otto Künzli oder des 2015 verstorbenen Manfred Bischoff sind hier zu sehen. Wobei ausgesprochenen Manfred-Bischoff-Fans die Ausstellung in der Galerie Handwerk besonders schätzen dürften. 17 renommierte Künstler haben hier bei einer »Hommage an Manfred Bischoff« mitgewirkt. Teils sind es Weggefährten, Kollegen und geliebte Menschen, die speziell für diesen Anlass Schmuckstücke im Andenken an Bischoff geschaffen haben (Max-Joseph-Str. 4, Eröffnung: 8. März, 19 Uhr; bis 4. April).

Um bei den zahlreichen Events und Ausstellungen in der Stadt nicht den Überblick zu verlieren, organisiert die Klasse von Karen Pontoppidan (Künzlis Nachfolgerin an der Akademie) übrigens etwas besonders Praktisches: eine Tour de Munich und das 12 Mal in verschiedenen Sprachen. Schließlich kommen Schmuckinteressierte aus der ganzen Welt in dieser Woche nach München. Man trifft sich zum ersten Mal am 10. März um 12 Uhr in der Eingangshalle der Akademie. Und dann geht es los – auf zu jenen Orten, wo Schmuck mehr als nur anschmiegsame Dekoration, nämlich ein Statement ist. ||

Auf der Sonderschau SCHMUCK stellen Künstler aus 31 Nationen aus, darunter der Iran und Mexico. Hier eine Auswahl von Tipps zu den zahlreichen Sonderveranstaltungen. Einen Schmuck-Stadtplan aller Präsentationen und Events gibt es auf der Messe und im Netz unter ihm-handwerk-design.com. Auch ist die Schmuckwoche auf Instagram unter dem Hashtag #MJW17 zu finden.

TOUR DE MUNICH DER AKADEMIE-SCHMUCKKLASSE
10. März, 12 Uhr, Meeting-Point: Eingangshalle
der Akademie, Akademiestr. 2 | weitere Termine:
www.tourdemunich.thehomeofjewellery.com

DORIS BETZ– SCHMUCK UND ZEICHNUNG
Bayerischer Kunstgewerbeverein
Pacellistr. 6–8 | Eröffnung: 23. Feb., 19 Uhr
bis 1. April | Di–Fr 11–16 Uhr | 10. März, 17
Uhr, 11. März, 11–14 Uhr, 12 März, 12–15 Uhr:
Meet the Artist: Doris Betz

QUIDAM– OTTO KÜNZLI
Galerie Wittenbrink| Türkenstr. 16
Eröffnung 7. März, 10 Uhr |bis 14. März
Di–Sa 10–18 Uhr, Do bis 20 Uhr

BIKKURIBAKO KUNST-SCHMUCK-OBJEKTE
(Takayoshi Terajima, Asako Takahashi, Kvetoslava
Flora Sekanova, Seung Hye Ryu, Nelly Stein)
Kunstarkaden| Sparkassenstr. 3 | Eröffnung
7. März, 19 Uhr | bis 8. April, Di–Sa 13–19 Uhr,
So/Mo 13–19 Uhr | Tel. 089 23323784

DIE MÜNCHNER ZEIT II
Galerie Spektrum | Theresienstr. 46 | Eröffnung 8. März, 10 Uhr | bis 14. März, 10–19
Uhr (Sa bis 14 Uhr) |

CRASH! BANG! WALLTOP!
tragbar Werkstatt Galerie für Schmuck
Zenettistr. 33 | Eröffnung 8. März, 17 Uhr
9. bis 11. März, 12–19 Uhr, 12. März 10–14 Uhr

ACTION STAGE
Messegelände München, Halle B1
11. März, 16.30 Uhr: Talente Award, 17 Uhr:
Verleihung des Herbert Hofmann Preises
www.ihm-handwerk-design.com