Hans Purrmann war ein bedeutender Kolorist. Wieder zu entdecken ist dieser Klassiker der Moderne – und sein europäischer Kontext – in einer schön perspektivierten Gesamtdarstellung.

Hans Purrmann: »Kapelle im Hof der Villa Le Lagore« | 1964 | Öl auf
Leinwand, 56 x 66 cm, Privatbesitz | © VG Bild-Kunst, Bonn 2016

»Porta mi i colori!« waren seine letzten Worte, denn das Malen war ihm zeitlebens, immer, das Wichtigste. Als Hans Purrmann 1966 starb, hatte er weit über 60 Jahre lang mit Farben komponiert. Zuletzt im Rollstuhl, an den er seit 1959 gefesselt war: Er malte mit wenig beweglichen Armen und Händen, weshalb ihm ein Helfer die Palette anreichen und die Staffelei umpositionieren musste, damit der Pinsel die jeweils richtige Stelle erreichte.

Wunderbare Bilder sind so entstanden: leuchtende, rhythmisch atmende landschaftliche Motive zwischen glühendem Rot und schwebendem Blau. Am liebsten unter südlichem Licht, oberhalb von Levanto an der ligurischen Küste, wo er in der Villa Le Lagore seit 1962 die Sommermonate verbrachte. Als Motive genügten ihm die Ansichten des Hofes, in dem er unter einem Sonnensegel saß. Purrmann brauchte keine ausgefallenen Bildgegenstände, seine Energie entzündete sich an Motiven in der Nähe, die ihm brauchbar erschienen und immer wieder Freude machten. So hatte er es auch früher gehalten, etwa in den 30er Jahren, als er in der Villa Romana in Florenz im Garten oder auf der Dachterrasse arbeitete, bis 1942 aus militärischen Gründen das Malen im Freien verboten wurde.

Der Revolutionär von früher

Viel ließe sich nacherzählen aus diesem langen Malerleben, das 1897 in München Fahrt aufnahm – und wirklich alles erfährt man in dem klug komponierten und reich illustrierten Buch, das Christoph Wagner, Ordinarius in Regensburg, und Felix Billeter, freier Kunsthistoriker und Leiter des Hans Purrmann Archivs in München, herausgegeben haben. Es basiert auf einem Symposium von 2015 und ist weit mehr als ein Tagungsband, denn hier wurde nicht nur weitergeschrieben, sondern wirklich Wissen – unterschiedliche Forschungsansätze und Quellenzugänge – vernetzt. Mit einem Wort: lebendige Wissenschaft. Der Titel »Neue Wege zu Hans Purrmann« meint diese Blicke von heute, denn die einzige Gesamtdarstellung des Künstlers stammt aus dem Jahr 1950. Heißt das vielleicht auch, dass – trotz vollendeter Werkverzeichnisse und diverser Ausstellungen der letzten Jahre – der Name des Künstlers aus dem allgemeinen Diskurs herausgefallen ist?

In München wurde er letztmals 1976 in der Villa Stuck präsentiert, zuvor 1962 mit einer großen Retrospektive im Haus der Kunst gewürdigt. Da zählte er noch zu den beachteten Zeitgenossen, hatte 1955 als Repräsentant der Moderne an der ersten Documenta teilgenommen, war mit dem Bundesverdienstkreuz, dem Orden pour le mérite ausgezeichnet worden und weiteren Ehrungen, wie sie runde Geburtstage und biografische Verbindungen mit sich bringen. Doch als in den 50ern die abstrakte Kunst der Nachkriegszeit propagiert wurde und mit den 60ern die Pop Art aufkam, blieb er der Teilnehmer der Kunstrevolution des ersten Jahrzehnts des Jahrhunderts.

Generationsgenosse von Kirchner, Marc und Klee. Ein Überlebender, der sein Spiel weitertreibt: »Um nichts besorgt als um das Gleichgewicht / Von Rot und Braun und Gelb, die Harmonie / Im Kräftespiel der Farben, das im Licht / Der Schöpferstunde strahlt, schön wie noch nie.« So porträtierte Hermann Hesse 1953 – im Gedicht »Alter Maler in der Werkstatt« – den Freund beim Malen eines Selbstbildnisses, der nicht sich malt, sondern das Licht, der »blumenschöne Farben« zaubert. Seit 1944 lebte Purrmann in der Casa Camuzzi in Montagnola – dem Haus, wo Hesse einst wohnte –, unter einem Dach mit dem Grafiker und Maler Gunter Böhmer und später auch mit Georg Meistermann. Als später der abstrakte 1955er-Avantgardist Meistermann den Purrmann-Preis der Stadt Speyer erhält, ist seine Preisrede zugleich ein Nachruf, denn der in Speyer als Sohn eines Anstreichers geborene Johann Marsilius Purrmann ist gerade im April 1966 gestorben: »Dass Purrmann, wie heute kein Maler außer ihm, und auf ganz andere Weise als der vielzitierte Matisse, die Natur als farbigen Gegenstand, als Gegenüber zum menschlichen Auge, durchfahren hat, bis er sie zur reinen, und zwar farbigen Poesie in eine rein unnaturalistische Bildwelt verwandelt hat. Er hat nicht parallel zur Natur gemalt, er hat der Natur die Farbe entgegen gesetzt.«

Jede Stelle im Bild muss satt sein

Matisse – damit ist der Name genannt, mit dem Purrmann kunstgeschichtlich stets verbunden bleibt. Der Pfälzer hatte sich vom Dekorationsmaler der Karlsruher Kunstgewerbeschule zum Akademiestudenten in München aufgeschwungen: 1897, in der Klasse Stuck, wo auch Klee und Kandinsky sowie Purrmanns Freunde Albert Weisgerber, Eugen von Kahler und Willi Geiger Schüler waren. 1905 ging er nach Paris, lebte im Kreis des Café du Dôme, verkehrte bei Leo und Gertrude Stein, überzeugte Henri Matisse, eine Malschule zu eröffnen und wurde 1908 deren Ateliervorstand. Mit dem Freund unternahm er Reisen, auch nach München: zur großen Ausstellung islamischer Kunst. Dann kam der Krieg – und 1916 bis 1935 Einiges an Erfolg in Berlin.

Auf Wunsch Purrmanns war der 1965 etablierte Preis der Stadt Speyer jungen Künstler zugedacht; seit 2012 ist der Große Hans-Purrmann-Preis der in München ansässigen Stiftung hinzugekommen, der mit 20000 Euro dotiert ist und den Namensgeber dadurch ehrt, dass die Jury Eigenständigkeit und Konsequenz im thematischen Ansatz und die individuelle künstlerische Leistung würdigt. Das muss kein Spiel mit Farben, sondern können durchaus Filme sein wie 2012 und 2015. Auch wenn kein Münchner unter den Finalisten ist, kann man auf die Preisverleihung am 10. Februar in Speyer gespannt sein.

Und allen Künstler kann man ein langes Leben wünschen, und das, was Meistermann damals bei Purrmann konstatierte: »Keine Altershysterie hat seine Haltung fragwürdig gemacht: Darum sind seine späten Bilder schöner als die frühen, weil sie voller und dichter sind. Jede Stelle auf einem Bild muß satt sein, sagt er, und darin, dass er diese Forderung selbst erfüllt, liegt wieder seine Einzigartigkeit.« Zu überprüfen im Buch – und ab April in der Purrmann-Ausstellung des Buchheim-Museums. ||

FELIX BILLETER UND CHRISTOPH WAGNER (HG.):
NEUE WEGE ZU HANS PURRMANN
Gebr. Mann Verlag, 2016 | 400 Seiten
217 Farb- und 113 S-W-Abb. | 79 Euro