Albert Renger-Patzsch demonstrierte die Ordnung der Dinge und ihre Schönheit: im fotografischen Bildausschnitt.  Denn die Technisierung erzeugte neue Bilder – auch in der Natur. Seine Serie präziser Ruhrgebietslandschaften isterstmals ausführlich in der Pinakothek der Moderne zu sehen

„An der Ruhrmündung“ | © Albert Renger-Patzsch / Archiv
Ann und Jürgen Wilde / VG Bild-Kunst, Bonn 2016

Fast übersieht man das kleine Mädchen im Schürzenkleid, das an einem Bretterzaun lehnt. Die zwei, drei Spaziergänger im Hintergrund sind sogar erst bei längerer Betrachtung auszumachen. Ein paar Fotografien weiter stehen Arbeiter mit Schiebermützen vor hohen Gründerzeitfassaden. Worauf die Männer warten? Egal. In ihrer verallgemeinernden Winzigkeit wirken sie wie die Figürchen einer Modelleisenbahnanlage. Staffage sind sie, wenn überhaupt. Straßenzüge und Siedlungen, Strommasten und Schornsteine schienen Albert Renger-Patzsch dafür um einiges bildwürdiger, genauso Bahndämme oder Verladerampen.

Und damit fallen die Ruhrgebietslandschaften, die jetzt in der Pinakothek der Moderne zu sehen sind, nicht wirklich aus seinem üblichen Rahmen. Zumindest fürs Erste. Der neben August Sander und Karl Blossfeldt bedeutendste Vertreter der Neuen Sachlichkeit war auf perfekt arrangierte Objekte fixiert. Seine Aufnahmen für Unternehmen wie die Jenaer Glaswerke oder Pelikan und vor allem die Schuhbügeleisen der Fagus-Werke haben es in die Überblicksbände der Kunstgeschichte geschafft. Renger-Patzsch war sich seiner Sache bereits in jungen Jahren ziemlich sicher – und gut im Geschäft. 1928, mit gerade mal 30, öffnete er seinem modernen Publikum durch das Fotobuch »Die Welt ist schön« regelrecht die Augen. Wer ahnte schon, wie elegant sich die Scheibenisolatoren an einem Hochspannungsmast drapieren – fast wie Perlen einer Kette – und welche aufregenden Schatten ein einfaches Wasserglas werfen kann?

»Der Einbruch des Menschen in die Natur«

Renger-Patzschs Fotografien bestechen durch Präzision, und das in jeder Hinsicht. Bei den zwischen 1927 und 1935 entstandenen Ruhrlandschaften ist das nicht anders. Dabei saß ihm kein Auftraggeber im Nacken, die lose Folge ist völlig frei entstanden – allerdings auf dem Weg zum jeweils nächsten Product-Shooting, wie man heute sagen würde. Und der schweigsame, strenge Mann aus Würzburg muss viel unterwegs gewesen sein mit seiner Holzkastenkamera, auch davon zeugen die Aufnahmen »on the road«. Oft genug fotografiert er nur eine einsame Landstraße, auf der sich die winterlich kahlen Bäume spiegeln. Oder die Fabrikschlote, die hinter sich duckenden Häuserzeilen in den Himmel schnellen, eine Folge von Laternen, Holzpfosten, die die Grenzen eines Vorgartens markieren. Es ist die Wiederholung, die Serie, die ihn reizt und die seinen Aufnahmen Rhythmus und Ordnung zugleich verpasst.

Der Zufall spielt eine marginale Rolle, Renger-Patzsch nimmt sich die Zeit, den idealen Ausschnitt zu bestimmen. Sei es beim durchlöcherten Netz am Fußballplatz, sei es vor der schnöden Alltäglichkeit der Bergmannskleidung, die Stück für Stück am Wäscheseil baumelt.Dem vermeintlich Attraktiven verweigert er sich. Sehenswürdigkeiten sucht man sowieso vergeblich, es sind die Hinterhöfe und düsteren Ecken, die hier ins Visier genommen werden. Und unwillkürlich muss man an die amerikanische Fotografie der 60er und 70er Jahre denken. Dabei sind die Städte, die Renger-Patzsch passiert, noch mächtig am Wachsen, bald jeder Quadratmeter ist geprägt von einer rapide fortschreitenden Industrialisierung. Fördertürme herrschen wie weithin sichtbare Riesen übers Land, um die sich immer neue Halden zu imposanten Armeen formieren. Vom »Einbruch des Menschen in die Natur« spricht Renger-Patzsch in diesem Zusammenhang, doch es ist noch lange nicht die Zeit, den Fortschritt zu bekritteln.

Die bislang umfangreichste Schau der Ruhrgebietslandschaften

Mehr Bergbau schafft mehr Arbeit, wer dachte damals schon ernsthaft an die Folgen für die Natur? Mit
neutralem Blick wollte der Fotograf ein Porträt des aufstrebenden Ruhrgebiets zeichnen. Aber genau das macht diese Aufnahmen so zeitlos und bis heute faszinierend. (Nebenbei lohnt ein Seitenblick auf aktuelle Bildkonzeptionen in der Ausstellung »Fotografie heute: distant realities«, die noch bis 19. Januar in der Pinakothek der Moderne zu sehen ist.) Deshalb auch sind es nicht die pathetischen
Rheinlandschaften (1926–1946) August Sanders, die dem »industriearchäologischen«, typologischen Mammutwerk Bernd und Hilla Bechers seit den 60er Jahren vorausgehen, sondern Renger-Patzschs Ruhrgebietsserie.

Die war ihm selbst ausgesprochen wichtig. Mit einiger Wahrscheinlichkeit plante er, die Landschaften zwischen Duisburg und Dortmund in einer Ausstellung zu präsentieren. Das deuten nicht nur Briefe an, Renger-Patzsch hat für die häufig großformatigen Abzüge (40 x 30 cm) erlesenes Chamoispapier
verwendet. Doch die kleineren Exemplare sind in ihrer Qualität genauso exquisit. Man kann das in der Pinakothek der Moderne schön vergleichen, manchmal gibt es von einem Motiv sogar zwei, drei variierende Ansichten, die zeigen, wie sehr sich der Fotograf etwa an vertikalen Elementen orientiert hat. Mit über 80 von etwa 150 Aufnahmen ist das die bislang umfangreichste Schau der Ruhrgebietslandschaften.

Das mag kurios erscheinen, München galt bis vor Kurzem nicht gerade als Hochburg für die künstlerische Lichtbildnerei der 20er und 30er Jahre. Doch was die Großmeister der Neuen Sachlichkeit betrifft, kann man hier inzwischen aus dem Vollen schöpfen. Das Kölner Galeristenpaar Ann und Jürgen Wilde hat seine hochkarätige Fotokollektion samt Renger-Patzsch-Archiv den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen vermacht. Für formidablen Ausstellungsnachschub ist also gesorgt. ||

ALBERT RENGER-PATZSCH.
RUHRGEBIETSLANDSCHAFTEN
Pinakothek der Moderne| Barer Str. 40
bis 23. April| Di bis So 10–18 Uhr, Do 10–20
Uhr | Kuratorenführung mit Simone Förster:
22. Feb., 8. März, jew. 15 Uhr

Zur Ausstellung ist ein begleitendes Magazin
(ca. 60 Seiten, 60 Abb.) zum Preis von 16 Euro
erschienen. Eine Social-Media-Fotoaktion
zum Mitmachen begleitet die Ausstellung mit
heutigen Blicken auf Industrielandschaften:
www.pinakothek.de/StadtLandBildAufnahmen,
auf Instagram unter #stadtlandbild