Einzigartige Bilder: Wang Yani malt schon ihr ganzes Leben lang, seit 20 Jahren in München. Ein Atelierbesuch.

»Blauer Apfel Nr. 2« © Wang Yani

»Blauer Apfel Nr. 2« © Wang Yani

Samstagabend vor dem ersten Advent. Verkaufstag und offene Tür im Atelier von Wang Yani in Neuhausen. Es ist der Eingangsraum eines kleinen Ladenlokals; den riesigen Tisch bedecken, quadratisch gerahmt, kleinere Tuschpinselarbeiten. Einige haben schon rote Punkte, und letzte Besucher kommen vorbei, um noch einen Blick auf ein eventuelles Lieblingsmotiv zu werfen. Aus dem Zimmer des Kollegen daneben, drei Stufen höher, klingt Weihnachtsjazz. Und hinten an einer freien Ecke des raumfüllenden Tisches sitzt Yanis jüngere Tochter und malt auf Reispapierblätter Pflanzenmotive, jedes – wie die Bildchen der Mutter – von eigener Schönheit.

Ein Künstleridyll? Dem zweiten Blick begegnen große, kraftvolle Gemälde. Und dahinter eine Geschichte wundersamer Fügungen.Man soll das Kind in sich nicht verlieren, hört man von Künstlern und Poeten. Wie aber bewahrt man das Kindsein? Und gar ein Leben als »Wunderkind«? Wang Yani (der Vorname folgt im Chinesischen auf den Familiennamen) zeigt Abbildungen. »Das war meine frühe Zeit«, sagt sie. »Mit drei bis sechs Jahren«. Und lacht. Sie wurde in einer Konfuzianischen Tempelanlage in Gongcheng geboren, einem Städchen im Süden. Der Tempel war damals, 1975, ein Kulturzentrum, und der Vater lebte hier als Staatsangestellter und Maler. Sein Atelier hatte er in einem Nebengebäude. Und Yani saß, während die Mutter arbeitete, da und malte auch. Mit zwei Jahren hatte sie zu zeichnen angefangen und bald die Pinselmalerei gemeistert, deren Techniken gemeinhin jahrelange Übung erfordern. Man entdeckte ihr überragendes Talent, als Vierjährige hatte sie die ersten Ausstellungen in Shanghai, Changzhou, Yangzhou – und das ging so weiter.

»Yani ist die jüngste Künstlerin, die auf einer Briefmarke gewürdigt wurde.«

Sie schuf Tausende Bilder. 1984 erschien in Peking das erste Buch über die junge Künstlerin, auch in deutscher Übersetzung. Es folgten eine Wanderausstellung in Japan und Präsentationen in Stuttgart, Hamburg und London. Noch mehr Bücher liegen auf dem Tisch: darunter zwei amerikanische Monographien im Kontext einer Ausstellungsserie der Smithsonian Institution 1989 in Washington, Kansas City und San Francisco; ein Band von 1986 aus dem Prestel Verlag wurde unter den 50 schönsten Büchern des Jahres auszeichnet. Auch philatelistisch ist sie eine Rarität: Yani ist die jüngste Künstlerin, die auf einer Briefmarke gewürdigt wurde. Als die Marke erschien, war sie acht, das Motiv hatte sie mit vier Jahren für die Mutter gemalt, ein kleines Äffchen, das der großen Äffin den Rücken kratzt. Sie hatte einen Affen als Haustier, und Affen waren ihr bevorzugtes Motiv: sehr lebendige, sehr menschliche, sehr zauberhafte Affen erschuf sie. Ihr Stempelsignet trägt deshalb auch einen Affenals Zeichen. »Aber mein erstes Bild mit drei«,unterbricht sich Yani, »war eine Katze«.

Ihren frühen und langen Lebenslauf hat Yani vielleicht schon oft erzählt. Dass sie schulische Prüfungen nachholen musste, weil sie oft unterwegs war, um in ihren weltweiten Ausstellungen live vor Publikum zu malen: um ihr Können und die Originalität ihrer staunenswerten Bilder zu beweisen. Aber das Wunderkind wurde älter, mit einer Künstlerexistenz als Zwangsjacke, ohne ein normales Leben. In einfachen Bemerkungen berichtet Yani von ihren Neuanfängen in der Kunst, denn zu malen hat sie nie aufgehört.

»Ein Jahresstipendium für Frankfurt nahm sie nicht an, denn die Tochter war schon auf der Welt. «

Nach München kam sie 1996 durch ein Stipendium und mit der Hilfe ihrer »zweiten Eltern«, einem deutschen Diplomatenehepaar. An der Kunstakademie nahm Jerry Zeniuk sie in seine Klasse auf. Die Neufindung war für sie nicht einfach, und mit den Unterrichts- und Ausstellungsbedingungen für sich als Nachwuchs war sie nicht zufrieden und wechselte deshalb zu Jürgen Reipka. »Von ihm habe ich viel gelernt, auch die Technik der Monotypie. Wir verstanden uns gut, es war eine schöne Zeit«. Just zu diesem biographischen Moment steht Yanis Mann, der Fotograf Min-an Wu, mit der Ältesten und dem Sohn vor der Tür. Wu hat sie auf der Akademie kennengelernt, er hatte beim blaubärtigen Robin Page studiert. Yanis Diplom 2005 wurde von beiden Professoren, von Reipka und auch von Zeniuk, unterzeichnet. Ein Jahresstipendium für Frankfurt nahm sie nicht an, denn die Tochter war schon auf der Welt.

Gerade führt ihr Weg sie wieder zurück in den Kunstbetrieb, denn eine Kinderpause ist nicht förderlich für die Karriere. Man muss sich zeigen können: In den Domagk-Ateliers war sie regelmäßig zu sehen. Beim »Kunstsalon« der Freien Münchner und Deutschen Künstlerschaft, wo Wang Yani Mitglied ist,
wurden von der Künstlerjury ihre dynamischen Großformate immer wieder ausgewählt. In Gefäßen und an zwei Ständern hängen vielerlei Tuschpinsel, am großen Tisch sitzen seit einem Jahr die Teilnehmer ihres Tuschpinsel-Kurses. Pinselhaltung, Sättigung mit Flüssigkeit und Strichführung dieser Technik erfordern tausendfaches Üben – eine für jeden höchst individuelle Erfahrung.

»Die erste Spur auf dem Reispapier muss perfekt sein.« Wenn freilich Yani ihre großen Formate mit Energie erfüllt, wird der Tisch beiseite gerückt, denn sie malt – wie früher als Kind – auf dem Boden. Nicht in der Küche, sondern im Atelier: »Da bin ich frei.« Bambus, Lotuspflanzen und Äpfel zählen zu den aktuellen Motiven ihrer großen Acrylbilder auf Leinwand, die westliche Technik mit asiatischer
Tradition kombinieren und mit denen sie auch bei einer Gruppenausstellung mit jüngeren Akademieabsolventen in der Galerie Rieder vertreten ist. »Äpfel bekommen die Kinder von der Mutter mit, wenn sie das Haus verlassen. Das Zeichen für Apfel bedeutet ›alles gut‹.« ||

HIRONOBU AOKI, MANUEL RUMPF,WANG YANI, KIRSTEN ZEITZ
NEUE POSITIONEN
Galerie Rieder | Maximilianstr. 22
bis 21. Januar| Di–Fr 11–13 u. 14–18 Uhr,
Sa 11–15 Uhr

Wang Yani| Atelier Schulstr. 21
wangyani@ymail.com