Mit Herzblut: Christian Stückls Shakespeare-Version »Der Sturm« im Volkstheater.

Timocin Ziegler (li.), Jean-Luc Bubert und Jakob Gessner. | © Arno Declair

Timocin Ziegler (li.), Jean-Luc Bubert und Jakob Gessner. | © Arno Declair

Ein gewaltiger Sturm tobt über dem Mittelmeer. Grelle Blitze zucken unaufhörlich, und ohrenbetäubender Donner grollt fürchterlich. Die Segel des Schiffes blähen sich bis zum Zerreißen auf, und die Seeleute brüllen vor Angst. Prospero hat den Sturm entfacht, der das Schiff des Königs von Neapel am Strand seiner Insel zerschellen lässt. Eine herrlicher, wild-wüster Vorgeschmack auf die folgenden eineinhalb Stunden, die der Volkstheater-Intendant auf die Bühne knallt: Theater mit Herzblut, manchmal hart an der Grenze zum allzu Deftigen und zum Klamauk, aber mit Furor in Szene gesetzt.

Auf den verkeilten Planken des zerborstenen Schiffes (Bühnenbild: Stefan Hageneier) tobt der Kampf zwischen Prospero, dem rechtmäßigen Herzog von Mailand, und seinem Bruder Antonio, dem er einst die Regierungsgeschäfte überließ. Undank ist der Welten Lohn, weshalb Antonio sich hinterlistig mit König Alonso von Neapel verbündete, um Prospero zu stürzen und zu vertreiben. Jetzt sind sie ihm ausgeliefert. Und Prospero kann sich mit magischen Kräften alle und alles untertan machen. Da wird niemand geschont, weder der wilde, ungeschlachte Caliban (Timocin Ziegler), den er mit Hilfe der Geister zum Sklaven erniedrigt hat, und schon gar nicht die gestrandeten Blaublütigen, all die von Ehrgeiz zerfressenen, machtbesessenen Emporkömmlinge, Intriganten, Mafiosi und Raufbolde wie Antonio (Roman Roth), König Alonso (Nicholas Reinke), dessen Bruder Sebastian (Mehmet Sözer) und deren halbseidenes Gefolge. Der Kapitän dekaputten Schiffes (Jean-Luc Bubert) und sein Bootsmann (Jakob Gessner) stolpern im Suff krakeelend über die Reste ihres zermalmten Potts.

Lauter total kaputte Typen im Tollhaus, das Stückl in rasantem Tempo und köstlich grellen Bildern als Action-Feuerwerk über die Bühne rauschen lässt. Und inmitten dieses Chaos gibt Prospero (Pascal Fligg) keinen – wie üblich – altersweisen Philosophen ab, sondern einen jüngeren Intellektuellen, der mit den Ideen der Humanität punkten möchte, doch bei dieser Ansammlung von Radaubrüdern beinahe verzweifelt. Wunderschön sind in dieser von Stückl sowohl klug gekürzten als auch um pralle Prollheiten erweiterten Fassung von Shakespeares Stück aus dem Jahre 1611 die Liebesszenen zwischen Prosperos ebenso sexsüchtiger wie zickiger Tochter Miranda (Carolin Hartmann) und ihrem verschüchterten Lover-Prinzen Ferdinand (Jonathan Müller) sowie Thomas Kylau als in Ehren ergrauter Hofrat Gonzalo – er zeigt gepflegte Schauspielkunst alter Schule. Ungemein anrührend spielt der 14-jährige Enno Haas den Luftgeist Ariel, der in den Schiffstrümmern immer wieder auftaucht, um das Geschehen pfiffig-verschmitzt zu kommentieren: hinreißende Momente in dieser erfrischend quirligen Neuinszenierung. ||

DER STURM
Volkstheater| 8., 28., 29. Nov.| 1., 9., 14.,
15., 25. Dez.| 19.30 Uhr | Tickets: 089 5234655
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