Neues von Anna Konjetzky und Stefan Dreher: Die einen ziehen im Sog des Kreises ihre Bahnen, die anderen treten nacheinander aus dem Schatten.

»Wah-Wah« von Anna Konjetzky |© Franz Kimmel

»Wah-Wah« von Anna Konjetzky |© Franz Kimmel

Tänzerische Schwärme waren mal groß in Mode. In den Nullerjahren experimentierte man gerne mit selbststeuernder Bewegung, kinästhetischem Respons und den Wirkungen, wenn sich Kollektive wie im Schwarm organisieren. Wer steuert, wer folgt, wie erfolgen die nonverbalen Absprachen, wie gelingt das Spiel von Aktion und Reaktion, Kontrolle und Laufenlassen? Das war spannend, manchmal aber auch ermüdend. Und eigentlich war es durch.

Anna Konjetzky belebt jetzt den Schwarm-Topos noch einmal von der anderen Seite: Sechs Tänzerinnen und Tänzer arbeiten sich an der Vergemeinschaftung ab. Zum Schwarm konstellieren sie sich dabei nur passagenweise. Zunächst laufen sie sich warm. Immer links rum. Das Publikum sitzt auf Podesten, die in der Kammer 2 im Achteck angeordnet sind. In diesem Oktagon bewegen sich Sahra Huby, Viviana Defazio, Quindell Orton, Michele Meloni, Damiaan Veens und Jascha Viehstädt als permanente Linksdreher: rennend, springend, hüpfelnd, gehend, trabend, vorwärts, rückwärts, im AerobicKnie-hoch-Gang. Sie sehen sich offen an, abwartend, nicht lauernd. Und dann jagen sie sich doch. Das ist einer der stärksten Momente in diesem Mobile, wenn sich Quindell Orton ihren Mittänzern in den Weg wirft, in Läufe rutscht, zum Ausweichen zwingt.

Ein anderer zwingender Moment entsteht, wenn sie sich aus einer Ruhepause in Anspannung einander zuwenden, umkreisen und sich stoßend, zuckend, aneinander reibend, ringend, zupackend, beißend und saugend ineinander verknäulen. Dieses »Wah-Wah« (seinen Namen verdankt das in den Kammerspielen uraufgeführte Stück der durch die Stadt optionsgeförderten Choreografin einem Sound-Effekt) schickt das Publikum durch Höhen und Tiefen. Aus letzteren schallt der Soundtrack von Brigitta Muntendorf. So clean und cool der Raum von Linda Sollacher (Licht: Wolfie Eibert), so verquatscht die Audiospur mit montierten, die Bewegungen illustrierenden »Ich bin hier, gehe und versuche mich zu verbinden«-Sätzen, die man komplett hätte streichen können.

Da hatte Konjetzky mit der Musik zur deutschen Erstaufführung von »Out« beim Think-Big!-Festival mehr Glück. Denn Sergej Maingardt komponierte für diese Party-Einlassung für einen Gitarristen, einen Bassisten, einen Schlagzeuger und eine Keyborderin und gab so was auf die Ohren. Im rauhen Glanz des Mucca entfaltete das handfesten Charme, kam aber auch nicht so richtig hoch.

Ganz anders gearteten Charme versprühte am Wochenende darauf Stefan Dreher unter dem Stones-Titel »If I was a Dancer« im HochX, auch wenn der frischgekürte Münchner Tanzförderpreisträger mit dem Song »Sympathy for the Devil« anfangs übers Parkett fegt. Danach präsentiert er eine Tanzrevue, die sich in einer delikaten Balance hält zwischen verhaltener Virtuosität und virtuoser Verweigerung. Jenny Schinkler mit Sidecut schlängelt sich im schmalen Halbdunkel neben der Tribüne entlang. Karmen Skandali, im schwarzen Hängerchen der personifizierte Liebreiz, zieht den Vorhang zu und präsentiert einen ziselierten Handtanz direkt vor der ersten Reihe. Beide Tänzerinnen begleiten die innige Gerda Daum, einst Primaballerina an der Hamburgischen Staatsoper, bei ihrem Tanz »Im Feengarten«.

Vorher sah man sie im Film von 1965 in einer Choreografie des berühmten Jean Babilée. Wagner Schwartz singt und erzählt eine Geschichte von seinem Vater. Hajo von Hadeln klopft Klänge, Christoph Reiserer macht Musik mit dem Hautwiderstand an seiner Stirn. Nobuko Micus im Kimono leuchtet zu Beginn aus dem Dunkel auf, später bewegt sie sich leicht dem Ausgang zu. Davor hat Frank Frey, ehemals Solist an der Deutschen Oper Berlin, seinen Auftritt: Hölderlin sprechend, die Arme winkelnd, Nuance und Nuance. Drehers Generationenprojekt gibt den Flügeln der Erinnerung Raum. Und wirkt dabei selbst aus der Zeit gefallen. ||

STEFAN DREHER: IF I WAS A DANCER
HochX| Entenbachstr. 37 | nochmals am 25. November, 20 Uhr
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