»Magdalena Himmelstürmerin« plädiert in der Schauburg für Bildung und Emanzipation.

Lucca Züchner zwischen Stefan Maschek (li.) und Markus Campana | © Digipott

Lucca Züchner zwischen Stefan Maschek (li.) und Markus Campana | © Digipott

Wie der Star aus der Muppet-Show thront er auf einem kleinen Podest an der Bühnenwand der Schauburg. Doch nicht er ist die Hauptfigur, obwohl sich alles um ihn dreht. Martin Luther, der revolutionäre Reformator, der die Welt Anno Domini 1517 mit seinen 95 Thesen veränderte, darf hier nur als sprechende Handpuppe ein paar Zitate aus seinem kritischen Statement wider Papst und Ablasshandel beitragen. Der erfolgreiche Kinder- und Jugendbuchautor Rudolf Herfurtner stellt Magdalena Reinprecht, ein 14-jähriges Mädchen aus dem brandenburgischen Städtchen Jüterbog, in den Mittelpunkt seines neuen Theaterstücks, das er aus Anlass des Lutherjahres 2017 aus seinem vor drei Jahren erschienenen Roman »Magdalena Himmelstürmerin« in eine Bühnenfassung gegossen hat.

In der stumpf-dumpfen Gottesfürchtigkeit ihrer Mitmenschen, geprägt von Armut und Schicksalsergebenheit, wächst Magdalena auf. Ein geifernder Teufelsaustreiber sabbert von Fegefeuer und Hölle, wo alle vom katholischen Glauben Abgefallenen landen werden. Dazu wird als Exempel der Inquisition ein »Gottloser« von brutalen Henkersknechten malträtiert und aufgeknüpft. Wegen der Profitgier des Bergwerksbesitzers kommt Magdalenas Vater bei einem Grubenunglück um, und weil die Mutter (Verena Rendtorff) das kärgliche Witwengeld lieber für einen Ablassbrief als für eine lebensrettende Medizin ausgibt, muss auch noch der kleine Bruder sterben. Im Spießernest gibt es keine Zukunft für Magdalena. Bei einer heilkundigen Tante in Wittenberg findet sie Aufnahme und im reformatorischen Trubel geistige Anregung.

Tief und einfühlsam leuchtet Herfurtner in die Psyche dieses nach Wahrheit und Erkenntnis suchenden Mädchens, indem er den sozialen Aufstieg dieser fiktiven Magdalena Reinprecht zur selbstbewussten Titelheldin »Magdalena Himmelstürmerin« in einem spannenden historischen Bilderbogen nachzeichnet. Durch stetes Fragen und Nachfragen, durch das Erlernen von Lesen und Schreiben, durch die Lektüre und das Durchdringen von Luthers Thesen und zeitgenössischen Streitschriften wird sie zur aufgeklärten, engagierten jungen Frau. Ohne pädagogischen Zeigefinger vermittelt Herfurtner jugendlichen Zuschauern, dass Bildung, Aufgeschlossenheit und Kritikfähigkeit zur Entwicklung einer starken Persönlichkeit beitragen.

Mit reichlich Mädchenpower hat der Regisseur Thorsten Krohn dieses Zeit- und Lebensbild aus dem Reformationsjahr 1517 in historischen Kostümen (von Ulrike Schlemm) und – ganz symbolisch – mit einem zu Bruch gegangenen überdimensionalen Kruzifix (Bühnenbild: Andreas Wagner) auf die Bühne gebracht. Berührende Szenen wechseln bisweilen auch mit einigen allzu plakativ-melodramatisch aufgepeppten Episoden ab. Bilderstark und emotional packend ist diese Uraufführung auf jeden Fall. Und an Regiegags (Walpurgisnacht-Grusel, ein Feuerspeier und ein Ablassprediger wie aus der Geisterbahn) ist hier manches geboten. Dazu viel Trommelwirbel, Choräle und gregorianische Gesänge (von Martin Zels) zur Kontemplation der bigotten Geistlichkeit und zur Einschüchterung des katholischen Fußvolkes sowie Glocken- und Glöckchenklang bei mystischen Zeremonien.

Vom achtköpfigen Ensemble, das – blitzschnell und für die Ü-11-Jährigen wohl etwas verwirrend – in die Rollen und Kostüme von zwei Dutzend Figuren schlüpft, ragen besonders Lucca Züchner als neugierige Magdalena und Markus Campana als ihr Freund aus Kindertagen, jetzt Theologiestudent und Luther-Verehrer, hervor. Regina Speiseder streicht wunderschön versponnen als Magdalenas geheimnisvolles Alter Ego die Fiedel und gemahnt als personifizierter Tod hinreißend gespenstisch an das Memento mori. ||

MAGDALENA HIMMELSTÜRMERIN
Schauburg| 18., 19. Nov.| 19.30 Uhr
21., 22. Nov.| 10.30 Uhr | Tickets: 089 23337155
theater@schauburg.net