Vladimir Shklyarov, einer der neu engagierten Solisten beim Bayerischen Staatsballett, arbeitet sich gerade intensiv ins Repertoire ein. Eine Begegnung.

Vladimir Shklyarov mit Lebens- und Tanzpartnerin  Maria Shirinkina »Giselle« (oben)  | © Jack Devant

Vladimir Shklyarov mit Lebens- und Tanzpartnerin
Maria Shirinkina »Giselle« (oben) | © Jack Devant

Mit Antritt von Igor Zelensky als neuem Leiter des Bayerischen Staatsballetts diesen Herbst sieht man jetzt im Münchner Nationaltheater eine ganze Reihe neuer Gesichter. Einen der Neuzugänge kennt man hier schon vom Gastspiel 2007 des St. Petersburger Mariinsky-Balletts: den damals erst 22-jährigen, aber schon vielversprechenden Vladimir Shklyarov. Dem Mariinsky, wo er zum Ersten Solisten aufstieg, immer noch in Dankbarkeit verbunden, entschied sich Shklyarov dennoch, zusammen mit seiner Frau, der Mariinsky-Ballerina Maria Shirinkina, und dem 18 Monate alten Sohn Alexei, zum Wechsel nach München.

Wir sind im Probenhaus am Platzl verabredet. Shklyarov kommt verspätet aus einer »Bayadère«-Probe. Hungrig? »Nein, nein«, lehnt er das Angebot von Pressereferentin Annette Baumann, ein Sandwich zu holen, ab. Und düst nach dem Gespräch gleich wieder in eine »Spartacus«-Probe.Für die neu Engagierten ist der Einstieg doppelt hart: Drei bis vier für sie ja noch unbekannte Ballette müssen sie zur Zeit parallel einstudieren. »Mir ist es lieber so, als im Theater herumzusitzen«, bemerkt Shklyarov wie nebenbei. »Ich sehe ja, wie viel Igor Zelensky arbeitet. Er ist immer da, macht schon vor unserer 10-Uhr-Morgenklasse sein eigenes Training.«

Das ist offensichtlich seit seiner Kindheit so bei Shklyarov gewesen: sich mehr als hundertprozentig in eine Sache hineinzustürzen. In seinem ersten Unterricht in Körpertraining und Volkstanz, erinnert er sich, »da wollte ich schon immer am höchsten springen, eben einfach alles am besten machen, genau
so später an der Waganowa-Akademie. Das war zunächst für mich einfach nur Sport.« Und wie kam er überhaupt zum Tanz?

Die Kunst ohne Worte
»Meine Mutter begeistert sich für jede Art von Kunst, für Literatur, besonders aber für die Bewegungskünste, ob Gymnastik oder Eislaufen. Ballett liebt sie besonders – sie wäre gerne Tänzerin geworden«, erzählt er mit einem gewissen Stolz. »Als ich dann im Mariinsky tanzte, schaute sie sich jede meiner Vorstellungen an. Sie war meine strengste Kritikerin.« Und da war wohl noch eine Art zweite Mutter: »Jeden Abend, nach dem Unterricht in der Waganowa-Akademie, half mir eine Frau mit den Hausaufgaben. Sie weckte in mir ein Vertrauen, bestärkte mich immer wieder: Du kannst springen, du kannst drehen. Und das brauche ich, wenn ich auf die Bühne gehe, dieses Gefühl, dass ich das Beste gebe bei dem, was ich gerade mache, gleich ob es eine große Rolle ist oder nur stilles Dastehen mit einem Requisit in der Hand. Ich muss mich ganz tief innen in der gerade auszuführenden Partie fühlen.«

Bei Fragen zu tanztechnischen Schwierigkeiten oder Fortschritten während der Ausbildung springt Shklyarov lieber gleich zu dem, was ihn bereits ganz früh grundlegend interessierte: »Wir Akademie-Schüler durften in die Vorstellungen, und ich habe in dieser Zeit wirklich alle Ballette des Mariinsky-Repertoires gesehen, ›Cinderella‹, ›Dornröschen‹, ›Le Corsaire‹, ›Das kleine bucklige Pferdchen‹und und und. Und jeweils mit all diesen großen Tänzern und Tänzerinnen: Natalia Dudinskaja, Inna Zubkowskaja, Boris Bregwadze, Farukh Ruzimatov, Uliana Lopatkina. Da habe ich plötzlich verstanden, dass Ballett Kunst ist, Kunst ohne Worte.«

Durch die älteren Stars wie die Dudinskaja habe er auch noch den früheren Stil, »die alte Schule« des Mariinsky erlebt. Aber gerade die Geschichte, die kleinen und großen Veränderungen des Balletts seien für jeden Tänzer sehr wichtig. Auf diese, der Technik, der Knochenarbeit des klassischen Tanzes übergeordnete Ebene hebt er immer wieder ab: »Für mich ist Ballett nicht durchtrainierte Körperlichkeit. Ballett ist Kunst, die aus der Seele, dem Geist kommt«, sagt er mit einer Schlichtheit, die ihn glaubwürdig macht. Thomas Mayr, erster Ballettmeister des Ensembles, der mit ihm die Rolle des Solor aus »La Bayadère« probte, hält ihn für eines der größten Talente schlechthin: »Shklyarov durchdenkt alles im Detail, bei jedem Schritt, jedem Sprung, auch noch jeder Pose – und
immer mit seiner feinen Musikalität. Diese Sorgfalt, dieses tiefe Interesse, das sieht man selten. Allein, wie er läuft, dieser Atem in der Bewegung – er ist ein Künstler.«

Ohne Zweifel – so wie er in Balanchines »Sinfonie in C« mit einer spielerischen, lächelnden Leichtigkeit Balanchines schnelle komplexe Schrittfolgen nimmt. »Ich liebe alle Stücke Balanchines, habe ›Jewels‹, ›Theme and Variations‹, ›Apollo‹und den ›Tschaikowsky-Pas de deux‹ getanzt«, ist seine Blitzreaktion auf das Stichwort Balanchine. »Seine Ballette zu tanzen ist einfach eine große Freude. Und die will ich an den Zuschauer weitergeben. Aber gleich welches Ballett es auch ist, wichtig ist vor allem, dass ich es bin, der tanzt.«

Aufbruch zu Neuem
»Ich habe ab 2003 die ganze Stufenleiter am Mariinsky durchlaufen, vom Eleven zum Gruppentänzer, zur Koryphäe, zum Demisolisten, Solisten und Ersten Solisten. Man hat dann die technische Versiertheit und ein erfahrenes Gefühl für die Bühne. Gleichzeitig weiß man, dass man nicht mehr allzu viel Zeit hat – Athletik und Tanz sind für junge Menschen«, resümiert Shklyarov. »Und da sich an meinem Theater die Ballette über die Jahre hin wiederholten, wollte ich etwas Neues probieren, wollte mehr Spielraum.« Obgleich sein Repertoire die gesamte Klassik und die (Post-) Moderne bis hin zu William Forsythe und Wayne McGregor umfasst, ist hier einiges neu für ihn, wie Peter Wrights zum Saison-Auftakt getanzte »Giselle«: »Wright hat mir eine ganz neue Herangehensweise eröffnet, weil er mir Albrechts Charakter näher gebracht hat«, so Shklyarov voller Wertschätzung.

Patrice Barts »La Bayadère«, das er bisher in der Fassung von Vladimir Ponomarev und Vakhtang Chabukiani tanzte, empfindet er »als sehr französisch« mit »seinen Pas de bourrés, diesen flinken kleinen Schritten, und den fußschnell-luftig battierten Brisés«. Von Crankos »Romeo und Julia« habe er schon lange geträumt: »Sein choreografisch-dramaturgischer Stil ist viel natürlicher als der von Leonid Lawrowskys Version, die bei uns gepflegt wird. Und gerade das Natürliche kommt meiner Auffassung von Tanz entgegen.«

Zu Juri Grigorowitschs 60er-Jahre-Klassiker »Spartacus«, der im Dezember von den Münchnern als erster westlichen Kompanie getanzt wird, meint er: »›Spartacus‹ist Teil der Identität des Moskauer Bolschoi-Balletts, eine typische GrigorowitschKreation. Es gibt sehr viele schwierige Sprünge, viele Hebungen, alles sehr schwer zu tanzen und sehr anstrengend. Wenn ich ›Spartacus‹ höre, denke ich unwillkürlich an den geichnamigen Film mit Kirk Douglas. Und diese Filmbilder haben wohl auch jetzt bei der Einstudierung einen gewissen inspirierenden Einfluss.«

»Ach, das möchte ich noch sagen«, meint Shklyarov, als man sich gerade verabschiedet: »Das Mariinsky hat mich geformt, und es bleibt auch jetzt mein Theater, an das ich für Gastspiele jederzeit zurückkehren kann.« Nächstes Jahr am 9. Mai tanzt Shklyarov im Mariinsky in Igor Belskys Schostakowitsch-Ballett »Die Leningrader Sinfonie« von 1961. Schostakowitschs 7. Sinfonie wurde 1942 in dem schon seit über einem Jahr von deutschen Truppen eingeschlossenen und hungernden Leningrad, dem heutigen St. Petersburg, von 15 überlebenden Rundfunkorchester-Musikern gespielt. Shklyarov versteht seinen Auftritt auch als Ehrung seines Großvaters, der 1941, zu Beginn der erst 1944 endenden Blockade, sechs Jahre alt war. ||

ROMEO UND JULIA| 9. Dezember
GISELLE| 24./25. November| SPARTACUS| 22./23./25./29.
Dezember, 3./6.,11. Januar| Besetzungen werden vorab nicht
bekannt gegeben, siehe hier