Spät, aber vielversprechend: Mit einem neuen Label starten die Münchner Philharmoniker eine Form der Eigenvermarktung, die bereits andere Orchester erfolgreich praktizieren.

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Kurz nach dem Saisoneröffnungskonzert, Mitte September: Suzana Borozan, seit zwei Jahren Medienleiterin der Münchner Philharmoniker, kann aufatmen. Denn pünktlich zur neuen Spielzeit zündet die zweite Stufe der Medienoffensive, die vor einem Jahr mit Valery Gergievs Amtsantritt gestartet ist, als man das Erscheinungsbild modernisierte und Programminitiativen ins Leben rief, um dem Orchester zu neuem Glanz und mehr Publikum zu verhelfen. Dazu beitragen soll ab sofort die hauseigene CD-Reihe »MPHIL« mit bis zu sechs Neuerscheinungen pro Jahr.

Die ersten beiden Veröffentlichungen liegen vor: Gergievs Antrittskonzert mit Mahlers Zweiter und Bruckners Vierter. In den nächsten Jahren soll, inklusive der »Nullten«, ein kompletter Bruckner-Zyklus entstehen, der in St. Florian aufgeführt und mitgeschnitten wird, ein neues Terrain für den »sehr medienaffinen« (Borozan) russischen Maestro. Generell werde das »deutsche Kernrepertoire« im Zentrum der Veröffentlichungen stehen, so Borozan. Neben Gergiev kommen auch Gastdirigenten zum Zug.

Darüber hinaus dürften aus dem Archiv, das dank BR bis 1945 zurückreicht, manche Schätze zu heben sein. Mit Warner Music habe man einen der Top-3-Konzerne im Markt für den Vertrieb gewonnen. Flankiert wird das Ganze durch digitale Partnerschaften und Streamingangebote. Grund zur Euphorie also? Das muss sich zeigen. Mit ihren Medienaktivitäten schließen die Philharmoniker auf zu einer Form der Eigenvermarktung, die große Orchester schon seit Jahren pflegen, und das in einem äußerstvolatilen Klassikmarkt, der 2015 bei der Anzahl der neu veröffentlichten Alben in Deutschland erstmals unter die 5000er Marke sackte (2014: über 6600), dessen Umsatzentwicklung hierzulande aber noch halbwegs stabil zu bleiben verspricht.

Staatskapelle Dresden, Berliner Philharmoniker und die Orchester des Bayerischen Rundfunks produzieren längst unter eigenem Label, wie es international das Chicago Symphony Orchestra, das Concertgebouworkest, das Mariinsky oder das London Symphony Orchestra machen, Gergievs altes Orchester, bei dem Suzana Borozan schon in gleicher Funktion arbeitete wie jetzt in München. Medienkompetenz ist bei der philharmonischen Zukunftsplanung also vorhanden.

Die CD-Premiere selbst hinterlässt gemischteEindrücke: einen starken bei Mahler, wo die kleinen Wackler des Konzerts offenbar mit subtilen technischen Mitteln ausgetrieben wurden und das Finale angemessen überwältigend eingefangen ist; einen zwiespältigen, stellenweise mulmig-basslastigen bei Bruckner, wenn man die Aufnahme mit der von Günter Wand (Profi l/Hänssler) vergleicht, der 2001 mit den Philharmonikern die Mittelstimmen viel plastischer herausgearbeitet hat. Und um Bruckners Spiritualität zum Klingen zu bringen, ist das Debüt schlechterdings vor allem im ersten Satz eine Spur zu flott geraten.

Warten wir also auf die Version aus St. Florian. Bei der Saisoneröffnung jedenfalls präsentierte sich das Orchester mit Gergiev in bester Spiellaune: Richard Strauss’ »Don Juan« und »Ein Heldenleben« sind schon für die nächste CD im Kasten.||

MÜNCHNER PHILHARMONIKER / VALERY GERGIEV
Mahler | Symphony No. 2 »Resurrection«
Bruckner| Symphony No. 4 »Romantic«
Warner Music | CD je 19,99 Euro