… als »Der Fremde« von Camus schoss. Der Algerier Kamel Daoud lässt den Bruder des Opfers erzählen, der Iraner Amir Reza Koohestani dramatisierte Daouds Roman an den Kammerspielen.

MF56_Bü_Der Fall Meursault - Eine Gegendarstellung-3-©-Judith Buss 2016

Mahin Sadri als Haruns Mutter ©Judith Buss

Ein Mensch ohne Namen hat keine Identität. Der Araber, den in Albert Camus’ Erzählung »Der Fremde« ein Franzose in der Kolonie Algier aus nichtigen Gründen erschießt, bleibt namenlos, anonym – man findet nicht einmal seine Leiche. Der schmale Band wurde 1942 zum Kultbuch des Existenzialismus, weil dem Mörder sein Schicksal gleichgültig ist. Einen Vornamen hat auch dieser Meursault bei Camus nicht.

Der algerische Schriftsteller und Journalist Kamel Daoud gibt über 70 Jahre später in seinem Prosadebüt »Der Fall Meursault – eine Gegendarstellung« dem Toten den Namen Musa und erzählt die Fortsetzung seiner Geschichte aus der Perspektive von Musas kleinem Bruder Harun. Für den wird sie zum Lebensinhalt, weil seine Mutter ihn durch ihre Trauer als Geisel nimmt und ihm ein eigenes Leben verwehrt.

Die erste deutsche Bühnen-Adaption inszenierte vor einigen Wochen Johan Simons bei der Ruhrtriennale. Die Kammerspiele habendafür den Iraner Amir Reza Koohestani, dermit seiner Teheraner Mehr Theatre Group häufig in Europa gastiert, erstmals nach München geholt. Seine subtile, poetische Inszenierung bringt wieder das narrative Theater ins Haus. Die Bühne bedecken Teppiche wie in einer Moschee. Aus dem Boden ragt Haruns Kopf – man droht, ihn als Ungläubigen und Weintrinker bis zum Hals einzugraben. Deshalb sei er ja nur mit dem Kopf gekommen, sagt der Alte gewitzt. Drei Haruns verdeutlichen die wechselnden Zeitebenen: der 7-Jährige beim Tod des Bruders, der 27-Jährige, der zum gerechten Ausgleich einen Franzosen erschießt, und der auf-und abgeklärte 77-jährige Erzähler (Walter Hess).

Streugut verwandelt die Teppiche zum Strand unter einer riesigen Sonnen- (und Mond-)Scheibe. Musas Mutter (Mahin Sadri) als schwarze Trauer-und Rache-Ikone nervt mit ihrer unablässigen, auf Farsi gesprochenen Litanei (»Haben Sie meinen Sohn gesehen?«) die Touristen in Liegestühlen. Eine junge Frau lässt sich wütend zu Diskriminierungen hinreißen. Dieselbe Schauspielerin Maya Haddad besucht als Studentin Meriem die Familie, weil sie über Camus promoviert. Erst von ihr erfährt Harun, dass der Mord an seinem Bruder Weltliteratur geworden ist. Um das Buch zu lesen, lernt er Französisch. Und erlebt zum ersten und einzigen Mal eine Ahnung von Liebe. Samouil Stoyanov als weichliches Muttersöhnchen erarbeitet sich allmählich Denken, Fragen und Fühlen.

Koohestani inszeniert mit schwebender Leichtigkeit und zarter Musik, Videos von Bäumen, Wolken und Meer wirken wie Traumbilder. Er unterfüttert Daouds recht redundante Verarbeitung von Trauer und Kolonial-Erfahrung mit Komik und Humor, den Walter Hess lässig einbringt. Und schafft surreale Momente: Die Kugeln, die Musa treffen und späterden Franzosen (Gundars Abolins), fliegennso langsam, dass noch Zeit für einen verwunderten Dialog bleibt. Nur der Mond und die Mutter sind Zeugen. Harun wird von einem Revolutionsoffizier (Hassan Akkouch) verhört, ihre Gesichter sindals Video riesig projiziert. Ironie der Historie: Die Tat geschah einen Tag nach der Unabhängigkeitserklärung Algeriens, war also nicht mehr gerechtfertigter Freiheitskampf, sondernMord. Den allerdings der Offizier nicht verurteilen mag.

Am selben Tisch wird ein Gespräch zur raffiniert verfremdeten Liebesszene: Harun und Meriem sitzen frontal zum Publikum, im Video neigen sich ihre Profile zueinander. Zum Kuss klettern sie auf den Tisch. Auf der Bühne mischen sich Deutsch, Farsi, Bulgarisch, Arabisch, Lettisch und Österreichisch. Dramaturgisch begründet ist die Anderssprachigkeit nur bei der des Französischen nicht mächtigen Mutter, sie stört sonstnicht, stiftet aber auch keinen Sinn. So wenig wie für Harun der Glaube: »Gott ist keine Antwort, sondern eine Frage«, meint er. Weil Harun Gott leugnet, wurde Daoud mit der Fatwa belegt,er ist in Algerien vogelfrei. Nur seiner Kinder wegen ist er bisher nicht emigriert.

Solche Entwicklungen hat im Taumel des Unabhängigheitskriegs 1962 kaum jemand geahnt. Doch wie viele Verwundungen und Traumata die koloniale Unterdrückung hinterlassen hat, macht Koohestanis Inszenierung in vielen Untertönen schmerzlich spürbar. ||

DER FALL MEURSAULT – EINE GEGENDARSTELLUNG
Kammerspiele, Kammer 1| 31. Okt.
20 Uhr | Tickets: 089 23336900
www.muenchner-kammerspiele.de