Das Theater Viel Lärm um Nichts bringt eine visionäre Erzählung »Die Menschenfabrik« von Oskar Panizza auf die Bühne.

Dem Wanderer (Andreas Mayer, li.) führen das Männlein im Rollstuhl (Margrit Carls) und der Kreatör (Ardhi Engl) ihr Menschenprodukt vor (Kathrin Knöpfl e, re.) | ©Hilda Lobinger

©Hilda Lobinger

Den »frechsten und kühnsten, den geistreichsten und revolutionärsten Propheten seines Landes« hat Kurt Tucholsky den Schriftsteller Oskar Panizza genannt. Und Walter Mehring zählte ihn zu den »Hexenmärchenerzählern, Apokalyptikern,Satanikern«. Vom Werk des 1853 geborenen und 1921 in einer Irrenanstalt gestorbenen Autors ist heute allerdings fast nur noch seine satirische Himmelstragödie »Das Liebeskonzil« (1894) bekannt, die ihm wegen Blasphemie ein Jahr Haft einbrachte und erst 1969 in Paris uraufgeführt wurde. Doch bis zu seiner endgültigen Einweisung in die Psychiatrie 1905 (die er selbst veranlasste, er war nämlich Irrenarzt) hat er unermüdlich Pamphlete, Schmähschriften, Polemiken und Satiren veröffentlicht, sein Hass galt der katholischen Kirche, Kaiser Wilhelm II. und der Justiz,die ihn deshalb immer wieder verfolgte.

1890 erschienen vier fantastische Erzählungen unter dem Titel »Dämmerungsstücke«. Einedavon, »Die Menschenfabrik«, ist jetzt im Theater Viel Lärm um Nichts zu sehen. Andreas Seyferth inszenierte die Bearbeitung von Margrit Carls. Weil unser Redaktionsschluss vor der Premiere lag, haben wir vorab mit den beiden gesprochen. Eine Kritik lesen Sie im November-MF. Vor Jahren wollten Andreas Seyferth und Margrit Carls »Das Liebeskonzil« inszenieren,aber da kam ihnen ein anderes freies Theater zuvor. Carls, der dramaturgische Kopf des VLUN und immer auf der Suche nach skurrilen Geschichten, blieb bei ihrer Beschäftigung mit Panizzas Werk an dieser Erzählung hängen. Die wirkt wie eine aktuelle Zukunftsvision.

Ein verirrter Wanderer stößt nachts auf eine Fabrik und wird vom Chef freundlich herumgeführt. Erst kommt ihn Staunen, dann Grausen an: Diese Fabrik stellt Menschen her. Menschen, die sich nicht verändern, nicht altern und besonders pflegeleicht sind, weil sie nicht selbstständig denken. Natürlich kommen einem da Orwells »1984« in den Sinn, die moderne Gentechnik und die Roboterforschung. Andreas Seyferth sagt: »Im Silicon Valley wird mit viel Geld geforscht, wie man den Menschen optimieren kann. Man könnte körperliche und geistige Schwächen beseitigen, das Gehirn beeinflussen und Menschen ohne Gewalt gefügig machen.«

In Japan baut man intensiv an Robotern zur Altenpflege, in Hollywood boomt eine Industrie mit Sexrobotern. Der Wunsch, Gott zu spielen und etwas Unbelebtes zu beleben,ist ein altes Thema in der Literatur – vom Golem über Pygmalion bis Frankenstein. Heute gibt es bereits Kriegsdrohnen, die selbst entscheiden, wann sie schießen. Aber niemand kann die Konsequenzen solcher Entwicklungenabsehen. Margrit Carlsmeint: »Die Forscher halten die Menschen für dumm. Sie denken, irgendwann werden die Roboter uns überholen und dann wird die Welt gut.« Doch der Regisseur Seyferth will keine aktuellen Hinweise aufs Heute geben: »Das wäre Theater für Blöde.« Die Zuschauer sollen selbst die Assoziationen finden.

Andreas Mayer spielt den Wanderer, Margrit Carls das Männlein, dem die Fabrik gehört. Die Tänzerin Kathrin Knöpfle verkörpert die Fabrikprodukte, der Musik- und Videotüftler Ardhi Engl sowie die Tänzerin Urte Gudian erarbeiten die klangliche, bildliche und choreografi sche Umsetzung. Das Künstler-Duo Gudian/Engl wirkte bereits zwei Mal beim VLUN mit, doch waren ihre Auftritte in »Hadschi Murat« und »Anatol« eigenständige Einschübe zwischen den Szenen. Diesmal will Seyferth erproben, wie sich Tanz und Musik wirklich mit Schauspiel verzahnen lassen – ein Experiment für alle. Er erklärt: »Ardhi und Urte entwickeln in ihrem Studio ihre Sachen, dann treffen wir uns und sehen, wie das mit unserer Arbeit verschmelzen kann. Ich sag’denen nicht, was sie machen sollen. Das ist Freiheit und Risiko. Wir hoffen, dass es sich in der Proben-Schlussphase verwebt.« Carls ergänzt: »Technisch ist das ein gewaltiger Aufwand. Aber unser Ehrgeiz war groß.«

Als nächstes Stück wird das VLUN am 29. Dezember Shakespeares »Der Widerspenstigen Zähmung« herausbringen. Auch da geht es um die Zurichtung eines Menschen, um ihn gesellschaftskompatibel zu machen. Denn das ist in dieser Spielzeit das Überbau-Thema des VLUN. ||

DIE MENSCHENFABRIK
Theater Viel Lärm um Nichts |bis 3. Dez. | Do bis Sa 20 Uhr
Tickets: 089 823929079 und 089 8342014
www.theaterviellaermumnichts.de