C. Bernd Sucher gibt mit »Der kleine Theaterversteher« Nachhilfe zur Meinungsbildung.

Lässt sichüber Geschmack streiten? Nein, wusste schon Kant. Dennoch tun wir es gerne, ausgiebig und vehement. Vor allem, wenn es um Kunst geht, scheiden sich die Geister oft extrem. Nach einer Theaterpremiere wartet mancher Zuschauer neugierig auf die Kritiken. Werden sie seine Meinung bestätigen oder muss er sich wieder mal fragen, ob der Rezensent vielleicht eine ganz andere Vorstellung gesehen hat? Und nach welchen Kriterien er urteilt?

C. Bernd Sucher ist ein renommierter Theaterkritiker und seit fast 20 Jahren Professor für Theater-und Filmkritik an der Hochschule für Film und Fernsehen sowie an der Bayerischen Theaterakademie August Everding. Aus seinen Seminar-Erfahrungen als Dozent erwuchs der Wunsch, auch für den fachlich nicht
vorgebildeten Normalzuschauer Licht ins Meinungsdunkel zu bringen. Sucher will ihm eine Hilfe an die Hand geben, sich ein eigenes Urteil zu bilden und dieses zu begründen. »Wie es euch gefällt – Der kleine Theaterversteher« nennt er sein Buch, das eine Schule der differenzierten Wahrnehmung sein will.

Wenn man es gelesen und verstanden hat, ist man am Ende tatsächlich klüger – in Bezug auf die eigene Unzulänglichkeit. Die ersten 70 Seiten informieren anschaulich über die verschiedenen Theaterberufe und das Zusammenwirken der künstlerischen Gewerke bis hin zur fertigen Inszenierung. Doch dann, beim zentralen Thema Wahrnehmung und Ästhetik, setzt der didaktische Impetus mit Macht ein. Sucher fordert von jedem Theatergänger Vorbereitung: Wissen ist der Schlüssel zur Interpretation. Das eigene Wissen und seine gesammelte Bildung präsentiert er auf schwerem Silbertablett mit ellenlangen Zitaten von (natürlich) Schiller, Kant, Schlegel, Rousseau und und und.

Der Belesenheits-Parcours wird untermauert von ausführlichen Beschreibungen aktueller Inszenierung der letzten Jahre, an denen er verschiedene Wahrnehmungendingfestmacht. Man fragt sich nur, wie präsent dem Leser diese Exempel in ein paar Jahren noch sein werden. Sucher gibt auch Beispiele für Überinterpretationen – Dante-Bezüge in Albert Ostermaiers »Death Valley Junction« –, mahnt stets Kenntnisse und gleichzeitig Vorurteilsfreiheit als unabdingbar an. Wer sich ohnehin mit Literatur und Bühne auskennt und vor Philosophie nicht zurückschreckt, wird das mit Genuss lesen. Wer einen leichteren und unterhaltsameren Zugang zum Theatererlebnis sucht, halte sich an die 2009 erschienene Gebrauchsanweisung »Die sind ja nackt! Keine Angst, die wollen nur spielen« des Kritikers Peter Michalzik (DuMont, 14,95 Euro). Auch dies kenntnisreich mit vielen Inszenierungsbeispielen, aber weit unprätentiöser und vergnüglicher. ||

C. BERND SUCHER: DER KLEINE THEATERVERSTEHER
C.H. Beck, 2016
272 Seiten | 16,95 Euro